Welche Kirche ermöglicht den Menschen heute zeitgemäße Gotteserfahrungen? Wie finde ich meinen persönlichen Weg der Gotteserfahrung? Was können wir von anderen Religionen lernen?
Diesen Fragen gingen über 150 Teilnehmer verschiedener Konfessionen beim Pfingstsymposium „Gott hat viele Namen“ in der Abtei nach. Die Sehnsucht nach Spiritualität, nach konkreter Erfahrung der Wirklichkeit Gottes, aber auch die Not in der aktuellen Situation ihrer Kirche führte sie nach Münsterschwarzach. Genau wie die Mönche im Kloster sind sie aber nicht nur auf der Suche nach Gott, sondern haben auch schon etwas vom ihm erfahren, sonst hätten sie sich nicht auf den Weg gemacht, so Abt Michael in seiner Begrüßungsansprache.
Bei dieser Pfingstkonferenz gingen sie mit zwei bekannten spirituellen Lehrern auf eine Reise zum Grund des Glaubens. Der Franziskanerpater Richard Rohr aus Albuquerque/ New Mexico ist eine der prägenden Persönlichkeiten in den USA, die Psychologie und christliche Spiritualität verbinden. Pater Dr. Sebastian Painadath (Jesuit) ist ein kompetenter Kenner östlicher Religiösität. Sein christlicher Ashram in Kerala/Südindien ist ein Ort der Begegnung von christlicher, hinduistischer und buddhistischer Spiritualität. Er hat einen großen Einfluss auf die christliche Theologie in Indien.
Die beiden Referenten leben in einem religions-pluralistischen Umfeld, wie es vielleicht auch in einigen Jahren in Deutschland nichts Ungewöhnliches mehr sein wird. Sie erleben sich schon in einer pilgernden Kirche auf dem Weg. Dabei hat sich die Haltung entwickelt, Christus nicht gegen die anderen Religionen zu stellen, sondern das Heilsgeheimnis Christi tiefer im Lichte der anderen Religionen zu erkennen. Das braucht Achtsamkeit für den Geist Gottes, Sensibilität für die göttliche Führung, Offenheit für die Weite des Geistes, Mut und Bereitschaft, die Zeichen der Zeit zu deuten. All das sind Haltungen, die ein waches Christsein ausmachen, so Pater Painadath. Pater Rohr fordert dazu auf, von den Mystikern aller großen Religionen zu lernen, um Gewalt und Fundamentalismus zu überwinden.
In einem breiten Angebot von Workshops wurden einzelne Themen vertieft und auch praktisch eingeübt, sich für geistliche Erfahrungen zu öffnen. Gäste aus Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus stellten sich in Podiumsdiskussionen den Fragen der Teilnehmer.
Das Symposium warb für eine offene Begegnung mit anderen Religionen. Gott ist seit Beginn der Menschheit in einem ständigen Heilsdialog mit der Menschheit. Das bedeutet ein Ernstnehmen der Aussagen des II. Vatikanischen Konzils, einen „Strahl jener Wahrheit“ in den anderen Religionen zu erkennen, der alle Menschen erleuchtet (NA II). Das Ziel kann nicht eine neue Mischreligion sein, also nicht ein pluralistischer Synkretismus oder eine beliebige Patchwork-Religion, sondern vielmehr eine Vertiefung innerhalb des eigenen Glaubens. Pater Richard bezeichnete diese Haltung einer verwurzelten Offenheit als „Emerging Church“. Je tiefer wir im Christentum Wurzel schlagen, umso breiter können wir mit Andersglaubenden in Beziehung treten. So werden Religion und Kirche ein lebendiges und authentisches Zeugnis der Liebe Gottes. Damit tragen die Religionen wesentlich zum Weltfrieden bei. Eine pauschale Protesthaltung und revolutionäre Reformen können nicht die Antwort auf diese Herausforderung sein.
Ein wichtiger Beitrag für einen friedlichen Weg in die Zukunft könnten die „Kleinen christlichen Gemeinschaften“ sein, die in Asien und Lateinamerika an der Wiederbelebung der Kirche großen Anteil haben. In einem kleinen übersichtlichen Kreis von Gläubigen, kann sich Glaube entfalten und das Gefühl von Beheimatung und Geborgenheit aufkommen. In so einem Umfeld können sich, wie bereits in Indien geschehen, Freundeskreise bilden, um mit Menschen anderer Religionen wie dem Islam auf nachbarschaftlicher Ebene in Berührung zu kommen.
Das Symposium endete mit einem öffentlichen Gottesdienst am Pfingstsonntag in der übervollen Abteikirche. Mehr als 1.000 Menschen aus nah und fern waren gekommen, um gemeinsam mit den Mönchen das Pfingstfest, die Erfahrung des Heiligen Geistes zu feiern.
Die Eucharistiefeier unter der Leitung von Abt Michael Reepen war ein lebendiges und sinnesfreudiges Miteinander mit Choralgesängen der Mönche, liturgischen Elementen aus der christlich-indischen Tradition und Gospelgesängen. Zum „Veni Sancte Spiritus“-Gesang wurden 7 Kerzen als Symbol der 7 Gaben des Heiligen Geistes zum Altar getragen. Pater Rohr und Pater Painadath hielten zusammen mit Pater Anselm Grün eine Dialogpredigt und gaben so auch denen einen kleinen Einblick in das Geschehen des Symposiums, die nicht selbst daran teilnehmen konnten. Pater Painadath ermutigte die Menschen, unsere Welt, die von Kulturen, Religionen, Rassen, Kriegen und Profitdenken geteilt und gebrochen ist, mit dem Geist Christi zu erfüllen. Am Ende des zweistündigen Gottesdienstes war noch die Möglichkeit gegeben, beim Ausgang der Kirche einen persönlichen pfingstlichen Segen zu empfangen.
Voller neuer Eindrücke gingen die Symposiumsteilnehmer dankbar und ermutigt nach Hause. Ermöglicht wurde die Veranstaltung vom Pastoren-Ehepaar Fincke-Peffermann sowie Bruder Jakobus Geiger und dem Gästehausteam, denen besonderer Dank gilt. Dass so viele Menschen ernsthaft auf der Suche sind und sich für die Erfahrung Gottes in ihrem Leben öffnen wollen, ist ein Zeichen der Hoffnung für die Kirche von heute und morgen.
Im Herbst wird ein Buch zum Symposium von Pater Richard Rohr und Pater Sebastian Painadath im klostereigenen Vier-Türme-Verlag erscheinen. Unter dem Titel „Gott hat viele Namen“ finden sich über die Vorträge hinaus weitere Beiträge, die das Thema vertiefen.