Aktuelles aus dem Recollectio-Haus
Weihnachten 2012
Der von mir sehr geschätzte Psychotherapeut Irvin D. Yalom schreibt: „Wir sind eingelullt in ein Gefühl der gemütlichen, vertrauten Zugehörigkeit; die ursprüngliche Welt unermesslicher Leere und Isolation wird verborgen und totgeschwiegen und spricht nur in Form von kurzen Ausbrüchen durch Albträume und mythische Visionen. Aber es gibt Momente, in denen der Vorhang der Realität für einen Augenblick lang geöffnet wird und wir einen Blick auf die Maschinerie hinter den Kulissen werfen. In diesen Augenblicken, die jeder selbstreflexive Mensch erlebt, ereignet sich eine momentane Entfremdung, bei der die Bedeutungen nun von den Gegenständen abfallen, die Symbole zerfallen und wir aus der Verankerung des ‚Zu-Hause-Seins’ gerissen werden. In diesen Augenblicken tiefer existenzieller Qual wird unsere Beziehung zur Welt tief erschüttert.“
Das ist nicht unbedingt ein Text, der auf Weihnachten einstimmen soll, so mag man im ersten Moment denken. Und doch glaube ich, dass es ein höchst weihnachtlicher Text ist. Er ist es dann, wenn Weihnachten nicht nur eine Fortsetzung dieser letztlich vorgemachten Zugehörigkeit und Verbundenheit ist, gar in besonderer Weise dazu beiträgt, uns in ein Gefühl der gemütlichen vertrauten Zugehörigkeit einzulullen, die vor der Wirklichkeit keinen Bestand hat. Es ist dann ein weihnachtlicher Text, wenn Weihnachten uns hilft diesen Blick hinter die Kulissen auszuhalten, „bei der die Bedeutungen von den Gegenständen abfallen, die Symbole zerfallen und wir aus der Verankerung des ‚Zu-Hause-Seins’ gerissen werden. Unsere Beziehung zur Welt in diesem Augenblick tiefer existenzieller Qual tief erschüttert wird. Dann wird Weihnachten zur Herausforderung. Der Herausforderung, ob Weihnachten uns hilft diesen Blick ins Nichts, in die Bodenlosigkeit, in unsere Bodenlosigkeit auszuhalten. Weihnachten eben nicht weiterhin diesen Blick verstellt, uns blind macht, uns betört, uns etwas vormacht, sondern Weihnachten uns mit unserem radikalen Alleinsein, Nacktsein, konfrontiert. Jetzt aber wird es spannend, weil es jetzt nicht mehr die Weihnachtsstimmung ist, die uns diesen Blick in unseren eigenen Abgrund aushalten lässt, sondern allein Der, Der mit uns den Blick auf diesen Abgrund aushält. Der uns die Erfahrung der Bodenlosigkeit nicht erspart, sie sich selbst zumutet und damit und darin aber auch sich als der erweist, der ich bin da - für dich und für mich. Jetzt, erst jetzt, kann es Weihnachten werden, können wir Weihnachten feiern, können wir aus vollem Herzen und voll Dankbarkeit singen: O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit.
Während ich mir diese Gedanken über Weihnachten mache, geht der letzte Kurs im Recollectio-Haus in diesem Jahr zu Ende. Es ist der 73. Kurs im 22. Jahr des Bestehens des Recollectio-Hauses. Vieles wiederholt sich von dem, was wir als Begleiter hier sagen und tun und doch scheint immer wieder auch Neues durch. Das hat mit uns, das hat vor allem aber auch mit den immer neuen Gästen zu tun.
In unserem Team hat es keine großen Veränderungen gegeben. Schwester Sylvia hat sich inzwischen sehr gut eingearbeitet. Bruder Stephan war leider nur für eine kurze Zeit einer unserer geistlichen Begleiter, da er inzwischen als Oberer nach Damme berufen wurde. An seine Stelle wird im nächsten Jahr Bruder Pascal treten. Wir freuen uns natürlich besonders, dass damit wieder ein Jüngerer zu unserem Team gehören wird, nachdem im nächsten Jahr mit Dr. Ruthard Ott, der im Januar 60 Jahre wird, alle Mitglieder des Stammteams die 60 überschritten haben. Es ist für uns natürlich auch immer ein Anlass zu überlegen, wie es personell in den nächsten Jahren im Recollectio-Haus weitergehen wird, wobei wir davon ausgehen und es auch von der Abtei her so geplant ist, dass es weitergehen soll. Das wird auch dadurch zum Ausdruck gebracht, dass im nächsten Jahr im April die längst notwendige Renovierung des Recollectio-Hauses erfolgen soll. So wird das Recollectio-Haus einen neuen Anstrich und neue Fenster bekommen und wie das heute üblich ist, entsprechend eingedämmt wird. In diesem Jahr durften wir auch die neue Kapelle einweihen, die allenthalben großen Zuspruch findet und für die im Augenblick P. Meinrad dabei ist, eine Madonna anzufertigen. Inzwischen waren weit über 1000 Gäste im Recollectio-Haus und es ist schön, immer wieder von ihnen zu hören oder sie hier oder bei Vorträgen zu treffen. Bei uns im Team tauschen wir dann die Grüße, die die Einzelnen bestellt haben, miteinander aus. Immer zahlreicher werden natürlich auch Meldungen von ehemaligen Gästen, die inzwischen gestorben sind. Wir haben hier die schöne Praxis, dass wir dann für den Betreffenden miteinander ein Vaterunser beten und ihn bzw. sie der Liebe Gottes anempfehlen. So sind sie in diesem Moment in ganz besonderer Weise auch unter uns präsent.
„Wir alle sind einsame Schiffe auf einem dunklen Meer. Wir sehen die Lichter der anderen Schiffe - Schiffe, die wir nicht erreichen können, aber deren Gegenwart und ähnliche Situation uns viel Trost zukommen lassen“, schreibt Irvin D. Yalom, Bei allem existenziellen Alleinsein, das niemanden genommen werden kann, gibt es eben aber auch diese Erfahrung, dass wir in Gegenwart uns lieber Menschen Trost, Nähe, Liebe erfahren dürfen, die auch dazu beitragen, unser existenzielles Alleinsein immer wieder zu überwinden. Ein Haus, in dem das viele immer wieder erfahren durften und hoffentlich noch oft erfahren dürfen, ist das Recollectio-Haus. In diesem Sinne Ihnen von Herzen ein gnadenreiches Weihnachten.
Wunibald Müller, Leiter des Recollectio-Haus und Team
Einweihung der Kapelle im Recollectio-Haus
|
|
Neugestaltung der Kapelle |
Am 27. April weihte Abt Michael die neue Kapelle des Recollectio-Hauses ein. Zuvor hatten über einige Monate unter Leitung von Herrn Architekt Hagen Binder und P. Meinrad Dufner die Handwerker der Abtei die alte Kapelle des Recollectio-Hauses in einen Raum verwandelt, der zur Stille einlädt und Geborgenheit vermittelt. Bei der Konzeption der Kapelle waren Herr Hagen Binder und P. Meinrad von Henri Nouwens Vorstellung ausgegangen, dass die Eucharistie zu der „Feier des Kusses“ werden kann, die uns daran erinnert, dass Leben und Tod, dass Furcht und Liebe, Freude und Schmerz zusammengehören, Leben und Tod sich in jedem Augenblick unseres Lebens küssen.
Bei der Einweihung würdigte Abt Michael die Arbeit des Recollectio-Hauses, P. Anselm bedankte sich bei den Handwerkern und ihre ausgezeichnete Arbeit, P. Meinrad und Herr Hagen Binder schlossen sich dem Dank an die Handwerker an und erklärten etwas zur Konzeption der Kapelle.
Bei einem gemeinsamen Frühstück wurde das Ereignis auch etwas gefeiert. Der Dank des Recollectio-Hauses geht auch an die Kursteilnehmer und Kursteilnehmerinnen des 70. Kurses, während deren Aufenthalt die Kapelle eingerichtet wurde und die mit so manchen Störungen leben mussten. Die nachfolgenden Kurse werden es ihnen sicher danken.
Neue Mitarbeiterin, Schwester Sylvia Platte
Nachdem im vergangenen Kurs schon mitgearbeitet hat, gehört sie jetzt als Nachfolgerin von Sr. Christiane Sartorius fest zum Team des Recollectio-Hauses. Sr. Sylvia Platte gehört zur Gemeinschaft der Missionsärztlichen Schwestern. Als Deutsche lebte sie 37 Jahre in den Niederlanden. In unserem Team bietet sie an: geistliche Begleitung, kreative Kleingruppenarbeit, sacralen und freien Tanz, Leiberfahrung, Liturgiegestaltung und thematische Wochenenden. Sie ist zuständig für die Koordination der Arbeitsbereiche und des Hausdienstes.
Der Langzeitkurs, der im Herbst beginnt, ist inzwischen auch ausgebucht. Es gibt aber noch freie Plätze bei dem im Jahr 2012 stattfindenden Langzeitkursen und auch für die Qualifizierte Auszeit im September 2012. Wer Interesse hat an einem der Kurse teilzunehmen, wird empfohlen, sich bald mit uns in Verbindung zu setzen, um seine Chancen, an dem Kurs teilnehmen zu können, den er sich wünscht, zu verbessern.
Für das Team im Recollectio-Haus
Dr. Wunibald Müller
Leiter des Recollectio-Hauses
Juli 2009
Erfahrungsberichte von Recokursen
April 2009
Tausendster Besucher im Recollectio-Haus
Das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach wird in diesen Tagen seinen tausendsten Gast begrüßen. In den 18 Jahren seines Bestehens wurden inzwischen fast 60 Kurse angeboten für Priester, Ordensleute und hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die sich eine Auszeit gönnen wollen oder in einer Krise befinden. Seit kurzem wird das Recollectio-Haus neben den Diözesen Augsburg, Freiburg, Limburg, Mainz, München-Freising, Rottenburg-Stuttgart und Würzburg auch von der Erzdiözese Paderborn finanziell mitgetragen und mitgefördert.
Wie der Leiter des Recollectio-Hauses Dr. Wunibald Müller mitteilte, war das Interesse an einem Aufenthalt im Recollectio-Haus noch nie so groß wie zur Zeit. Die Kurse sind ausgebucht und es gibt Wartelisten. Die große Nachfrage führt er darauf zurück, dass immer mehr Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die spüren, dass sie an ihre Grenzen geraten oder alleine nicht mehr weiter wissen, bereit dazu sind, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dazu kommt, dass sich das Image des Recollectio-Hauses in den letzten Jahren verändert hat. Wurde früher das Recollectio-Haus mit kirchlichen Mitarbeitern assoziiert, die psychisch krank sind, ihr Amt aufgeben bzw. den Orden verlassen möchten, wird das Recollectio-Haus inzwischen mehr als ein Ort gesehen, an dem die Gäste sich neu orientieren, seelisch und spirituell auftanken, die Chancen, die in einer Krise liegen können, für sich nutzen und gestärkt und neu motiviert in ihren Dienst zurückgehen.
Die Gründe für einen Aufenthalt im Recollectio-Haus sind in im Wesentlichen die gleichen geblieben. Vielen geht es darum, sich eine Auszeit zu gönnen, Zeit zu haben für sich, Zeit zu haben über ihr persönliches und berufliches Leben nachzudenken und wieder mehr als bisher die Beziehung zu Gott zu pflegen. Zugenommen haben Probleme, die sich aus der beruflichen Überforderung ergeben, die zu körperlicher Erschöpfung und innerem Ausbrennen führen, sowie Probleme im Zusammenhang mit dem privaten Lebensstil, etwa eine zunehmende Vereinsamung und einhergehend damit ein ungesunden Gebrauch des Internets.
Während früher nur Langzeitkurse von neun bis 12 Wochen angeboten wurden, gibt es jetzt auch einmal im Jahr einen Vierwochenkurs für kirchliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die vor einem Stellenwechsel stehen. Das spirituelle und therapeutische Konzept des Recollectio-Hauses hat sich bewährt. Stärker als früher wird in den letzten Jahren der körperlichen Aktivierung Aufmerksamkeit geschenkt. Dies zeigt sich u.a. in Angeboten wie Walken, Schwimmen, Reiten, Aikido und Tanzen.
Das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach ist die einzige Einrichtung dieser Art im deutschsprachigen Raum. Es hat sich bewährt, dass die Abtei der Träger der Einrichtung ist und die Arbeit des Recollectio-Hauses von Abt Michael und seiner Gemeinschaft mitgetragen und unterstützt wird. Das trägt entscheidend dazu bei, so die Leiter des Recollectio-Hauses, Anselm Grün und Wunibald Müller, dass das Recollectio-Haus auch für den tausendsten Gast zu einem Ort werden kann, an dem er für sich erfahren darf: „Du hast mehr Möglichkeiten als du ahnst, ganz zu schweigen von den ungeahnten Möglichkeiten Gottes mit dir.“