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Gottes gute und milde Augen

P. Mauritius Wilde OSB ist Prior im Kloster Sant'Anselmo in Rom. Dort ist gerade vieles anders.

Ein herzlicher Gruss aus dem Kloster Sant’Anselmo in Rom! Normalerweise ist Rom ja immer etwas langsam ... diesmal aber sind wir in Italien der Krise um ein paar Wochen voraus. In Sant’Anselmo leben wir schon seit fast 4 Wochen in der Quarantäne. Die völlig neue Situation ist eine Herausforderung für uns alle. Einige Mönche sind nach Hause zurückgekehrt, aber 70 sind noch im Haus. Gott-sei-Dank sind alle gesund.

Jeden Tag darf ich Neues lernen. Zum Beispiel ging mir auf, dass in so einer Krisensituation vieles aus uns hervorkommt, was wir sonst verbergen können. Normalerweise hat man in einer Gemeinschaft viele Möglichkeiten, sich auszuweichen. Nun aber ist das nicht mehr möglich. Irgendwie sind wir nackt. Da kommen zum einen ganz neue und gute Seiten hervor, neue Kreativität, Spontaneität, Verantwortungsgefühl, Hilfsbereitschaft. Zum anderen aber treten auch unsere Schwächen mehr zutage, von denen wir nicht so gerne wollen, dass sie von den anderen gesehen werden. Ich glaube, in jeder Beziehung darf es auch Geheimnisse voreinander geben, ohne dass die Beziehung dadurch zerstört würde. Nun aber sind wir ständig beieinander, und das recht ungeschützt.

Wir sehen uns selber ungeschönt: wir bemerken unsere schlechten Angewohnheiten; es kommen Emotionen hoch, vielleicht alte Spannungen, die immer latent in der Luft lagen, aber mit denen man sonst gut zurecht kam. In der Stresssituation ist das schwieriger. Was sind die Heilmittel? Mir hilft jetzt besonders, dass Gott uns mit seinen guten und milden Augen anschaut. So soll auch ich es machen: Gut und geduldig mit mir selber sein, und gut und geduldig mit den anderen. Sie nicht verurteilen. Barmherzig sein. Den anderen und mir vergeben, dass wir so sind, wie wir sind.

Im Paradies waren wir in Gottes Augen nackt, und merkten es nicht. Wenn wir uns von ihm anschauen lassen, können wir in diesen Tagen einen neuen, guten Umgang miteinander lernen.

Von P. Mauritius Wilde OSB

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