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Mit leeren Händen vor Gott

Predigt von Pater Frank Möhler OSB in der Abteikirche am 30. Sonntag im Jahreskreis C

Schwestern und Brüder,
die tiefsten Fragen unseres Lebens bleiben, solange wir leben. Manche Fragen des Menschen bleiben über Jahrhunderte hinweg die gleichen und werden immer wieder neu gestellt. So die Frage: Wie werden wir Gott gerecht? Für den gläubigen Menschen ist es vielleicht die entscheidenste Frage des Lebens. Wie kann ich Gott gegenüber gerecht werden?
Jesus hat sie einigen beantwortet, die davon überzeugt waren, vor Gott gerecht zu sein.Trotzdem ist diese Frage in der Kirche nie zur Ruhe gekommen: Augustinus wurde von ihr massiv bedrängt. Martin Luther wurde von ihr umgetrieben, wenn er fragt: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Er hat die Antwort im Evangelium und bei Apostel Paulus gefunden und dennoch hat diese Frage die Reformation in Gang gesetzt. Eine große Leidenschaft steckt in dieser Frage.
Ist diese leidenschaftliche Frage nach der Rechtfertigung heute verloren gegangen? Ist sogar die Leidenschaft für Gott verloren gegangen, die mit dieser Frage zusammenhängt?
Ich denke, auch heute wird diese Frage noch gestellt - auch wenn sie manchmal anders lautet: Wie kann ich vor mir bestehen, vor meinen Mitmenschen, vor der großen Schöpfung, vor der Welt? Wie finde ich zu mir selbst? Wie werde ich vor mir selbst gerecht? Jede und jeder von uns stellt irgendwie solche Fragen, sonst wäre er kein Mensch.

In unserem Evangelium heute liegt eine Antwort auf diese Fragen nach der Rechfertigung vor Gott. Oder besser gesagt: Jesus gibt die Richtung einer Antwort an.
Denn eine große Gefahr besteht darin, eine schnelle Antwort zu geben, und dass es uns dann selbst geht wie dem Pharisäer. So heißt es in einem Gedicht von Eugen Roth:
Ein Mensch betrachtete einst näher die Fabel von dem Pharisäer, der Gott gedankt voll Heuchelei, dafür dass er kein Zöllner sei. – Gottlob!, rief er in eitlem Sinn, dass ich kein Pharisäer bin.“
Wir stehen also selbst immer wieder in der Gefahr wie der Pharisäer zu sein, nämlich ganz schnell die Zeichen unserer Wohlanständigkeit aufzuzählen und uns damit von anderen abgrenzen, etwa: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie anderen … wir sitzen ja hier im Gottesdienst … wir haben ja unser Kloster, unsere Regel, unsere geistlichen Übungen.“ Oder alternativ: „Gott ich danke dir, dass ich nicht zu denen gehöre, die meinen, sie müssten in dieser Kirche sein, um dich zu finden. Ich habe mich - Gott sein Dank - davon gelöst!“

Auch in der Kirche stehen wir immer in der Gefahr, uns mehr auf die eigene Gerechtigkeit, als auf Gott zu verlassen. Wir haben auch in unseren Kirchen scheinbar alles Griff: eine gute Struktur, die auch scheinbar jeden Notstand meistern kann, eine bestfunktionierende Caritas, die mit ihrem Netz fast jede Not auffängt.

Vielleicht liegt Krise der Kirche in den letzten Monaten, liegt auch in der Ratlosigkeit, wie es zukünftig mit den Pfarreien weitergehen kann, eine Chance innezuhalten und genau diese Frage zu stellen: Wir werden wir wirklich und neu vor Gott gerecht, ohne zuerst auf unsere Leistungen und Fähigkeiten zu schauen.

Schauen wir in unser Evangelium:
Der Pharisäer meint vor Gott gerecht zu sein, weil er etwas vorweisen kann. Unbestreitbar: die Pharisäer nahmen ihre Religion sehr wichtig. Und der Pharisäer sagt sicher die Wahrheit, wenn er darauf hinweist, dass er zweimal in der Woche fastet und für die Aufgaben des Tempels viel Geld spendet. Er hält ja alles, was Religion und Gesetz vorschreiben.
Aber was ist denn falsch an der Einstellung des Pharisäers? Es ist nicht nur die Art und Weise, wie er auf andere herabschaut. Es ist vor allem, seine Art zu beten, seine Art, wie er mit Gott in Beziehung tritt. Dies ist Gott gegenüber nicht gerecht. Es macht ihn vor Gott nicht gerecht, es entfernt ihn vielmehr von Gott, in dem er ihm vorrechnet, wie gut er eigentlich ist. Gott ist da nicht mehr der der Große und Unbegreifliche, von dem ich alles erwarten kann. Gott ist nicht mehr Gott, der mich umfasst und umgreift, sondern einer, den ich im Griff haben will, einer mit dem ich rechne im wahrsten Sinne des Wortes.
Die eigene Gerechtigkeit, die eigene Leistung kann, obwohl sie an für sich gut ist, sehr schnell an die Stelle Gottes treten. Damit wird Gott klein gemacht.Eigentlich brauche ich ihn gar nicht mehr.

Geht es aber nicht darum, alles Vertrauen auf die eigene Leistung und Gerechtigkeit vor Gott preiszugeben – wie der Zöllner? Sich hinten hinzustellen und zu sagen: „Gott sei mir Sünder gnädig? Ich kann Gott nicht mit meiner Leistung bestechen oder zwingen. Ich habe nichts von mir zu erwarten, aber alles von dir ich.
Und doch weiß er, dass Gott einer ist, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Der Zöllner erkennt die Erfahrung von Enttäuschungen und Rückschlägen und es ist ihm klar, dass er einen neuen Anfang braucht, dass Gott diesen Anfang schenken kann, nicht muss. Oder anders gesagt: dass Gott einen ganz anderen Anfang schenken kann, als er es sich selbst überhaupt vorstellen.
Vor Gott gerecht werde ich, indem ich Gott zutraue, dass er Neues schafft mit meinem Leben, dass Gott mich sozusagen über meine eigenen Fähigkeiten und Leistungen hinausheben kann. Es geht letztlich darum, die Liebe Gottes, ihn selbst zu empfangen zu wollen, keine Gegenleistung:
Theresia von Lisieux schreibt: „Am Abend meinen Lebens werde ich mit leeren Händen vor dir stehen; denn ich bitte: zähle meine guten Werke nicht, Herr! Alle unsere Gerechtigkeit ist voller Fehler in deinen Augen. Ich will mich also mit deiner Gerechtigkeit bekleiden und mit deiner Liebe dich selbst empfangen!“

Sicher geht es auch nicht darum, dass ich mich extra vor Gott klein mache– auch das wäre ja wieder eine eigene Leistung der Demut. Der hl. Augustinus schreibt in einer seiner Predigten: „Es wird dir nicht gesagt, sei etwas Kleineres, als du bist, sondern: Erkenne, wer du bist und werde du selbst“ (Sermon 137,4.4).
Das wäre Demut: Erkennen, wer ich bin. Das könnte darin bestehen, das ich Gott stets mehr zutrauen als mir selbst. Denn ich erahne, dass die Liebe Gottes mit mir mehr und Größeres tun kann, als ich es selbst jemals tun könnte.

Das wünsche ich uns, dass wir immer mehr üben und erfahren dürfen, dass wir in erster Linie empfangende und damit beschenkte, Menschen sind. Menschen, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Die Haltung der leeren Hände vor Gott zu erlernen ist die eigentliche ja leidenschaftliche Herausforderung für uns als Menschen und Christen.
Martin Luther schreibt als Vermächtnis an uns als letztes Wort am Vorabend seines Todes nieder: „Wir sind Bettler. Das ist wahr!“
Amen.

 

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