Mut in der Krise

Aus Rom meldet sich Br. Joel Schmidt OSB mit einem Mutmacher in der Corona-Krise.

Hier in Rom ist es still geworden auf den Balkonen, niemand hat mehr richtig Lust zu singen. Seit über 4 Wochen ist das Leben in dieser sonst so lebendigen, lauten Stadt völlig heruntergefahren. Und man spürt: die Menschen haben einfach keinen Bock mehr! Und jetzt geht das mindestens noch bis 3. Mai so weiter… Schrecklich! Wahrscheinlich wird auch die Benediktiner-Hochschule St. Anselmo, wo ich studiere, erst wieder im Oktober ihren Betrieb richtig aufnehmen können.

Aber man darf die Augen nicht vor der krassen Realität verschließen: Italien hat immer noch über 600 Tote täglich zu beklagen. Allein in der Lombardei fallen jeden Tag mehr als 250 Menschen der Lungenkrankheit Covid-19 zum Opfer. Was also tun?

Mir kommt das Lied zum Einzug der Messfeier des früheren Septuagesima-Sonntags in den Sinn, den ich gerade untersucht habe: Circumdederunt me gemitus mortis, dolores inferni circum dederunt me – “Todesstöhnen hat mich umfangen, die Schmerzen der Hölle haben mich umgeben”. Für wie viele Krankenschwestern und -pfleger und Ärzte in der Lombardei und anderswo beschreibt dieser Satz aus Psalm 17 nicht ihren fürchterlichen Alltag? Ich muss an sie denken! Sie leisten Unglaubliches, man kann ihnen nicht genug danken, für das, was sie momentan leisten.

Die patristische Exegese hat die Psalmworte Jesus in den Mund gelegt, der in seiner Passion den Tod vor Augen hat. Der gregorianische Komponist vertont das erst monoton, tief, bedrückend und lässt dann den Sprecher in eine schmerzhafte Klage ausbrechen. Am Schluss fällt die Melodie traurig und resigniert in sich zusammen.

Aber gibt er auf? Nein! Et in tribulatione mea invocavi Dominum et exaudivit de templo sancto suo vocem meam – "Und in meiner Not habe ich den Herrn angerufen und er hat von seinem heiligen Tempel aus meine Stimme erhört".

Jetzt geht der Sprecher in sich: auch tief, aber nicht mehr so bedrückend, sondern lebhafter vertont der Komponist einen Prozess des Innehaltens, der Meditation der eigenen Situation: Es erhebt sich ein Gebet zu Gott, was inständiger nicht sein kann, die Liebe und das Vertrauen, das der Beter hineinlegt, durchdringt die ganze Melodie. Dann eine ganz kurze Pause und schließlich die Sicherheit: Ja, Gott, hat mich erhört! Er ist bei mir! Die Melodie darf getröstet und ruhig, ja fast heiter, ausklingen.

Augustinus hat in dem Psalmabschnitt das Schicksal Christi erkannt, der die göttliche Gegenwart des Vaters in sich angerufen hat und erfahren durfte, dass er sich auf ihn verlassen kann. Im Vertrauen auf ihn konnte er sein Leiden und Sterben am Kreuz auf sich nehmen. Wir wissen: Er ist auferstanden. Neues Leben ist durch ihn geworden:anders, gewandelt, aber herrlicher als vorher.

Mir macht dieser kleine Gesang Mut in der Krise! Er lässt mich auch innehalten, einkehren in mich selbst und die göttliche Gegenwart in meiner Seele suchen. Seltsam, auch wenn mein äußeres Leben jetzt in der Corona-Krise so stark eingeschränkt und reduziert ist, so führt sie mich doch in einen Prozess hinein, wo ich spüre: Er verändert mich innerlich, positiv, wenn ich ihn zusammen mit Christus gehe. Ich werde gewandelt daraus hervorgehen. Das gibt mir Kraft!

Von Br. Joel Schmidt OSB

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