Religiöses Buch des Monats

Januar: Johannes Eckert - Was sucht ihr?

Was brauche ich wirklich im Leben und wonach soll ich suchen? Gerade durch die Krise haben viele Menschen gemerkt, was wirklich wichtig ist, suchen nach dem, was „mehr“ aus dem Leben macht.

"Kommt und folgt mir nach!" Mit dieser sehr direkten, kaum eine Widerrede zulassenden Aufforderung beruft Jesus seine ersten Jünger in den Evangelien des Markus und des Matthäus. Auffallend anders wird die Jünger-Berufung jedoch im Evangelium nach Johannes geschildert. Dort wendet sich Jesus den zwei Jüngern des Täufers Johannes, die von diesem an Jesus verwiesen werden, nicht mit einer Aufforderung, vielmehr mit einer Frage zu: "Was sucht ihr?" Diese nur auf den ersten Blick einfache, in Wahrheit aber sehr tiefgründige Frage richtet sich für Abt Johannes Eckert nicht nur an die ersten Jünger Jesu, sondern ebenso an uns selbst. Schon den ersten Menschen hatte Gott im Buch Genesis gefragt: "Adam, wo bist du?" Gott hat also ein Interesse am Menschen, wir sind ihm nicht gleichgültig, sondern seiner Fragen würdig, eingeladen, in einen Dialog mit Gott zu treten. Dass einem Menschen in seinem Leben umgekehrt auch Gott und der religiöse Glaube immer wieder fragwürdig werden können, wendet der Autor dabei durchaus ins Positive - denn nur was wirklich Bedeutung hat, ist eben auch frag-würdig, ist es also wert, als Frage gestellt und vielleicht sogar ein Leben lang als Frage offengehalten zu werden. - So ist der Münchner Benediktinerabt, der auch schon Bücher über bestimmte Aspekte der Evangelien nach Lukas, Matthäus und Markus verfasst hat, für sein neues Buch elf Fragen nachgegangen, die Jesus im Johannes-Evangelium den Menschen, denen er begegnet, stellt – um diese Fragen dann auch auf unser je eigenes Leben zu beziehen. In den elf Kapiteln wird nach einer Vorstellung der entsprechenden Bibelszene vor ihrem Hintergrund in einem ersten Teil jeweils die Frage vertieft und auf uns bezogen; in einem zweiten Teil wird dann gezeigt, wie sich diese Frage für uns "leben" lässt, d.h. wie die Suche nach einer Antwort oder auch das Offenhalten dieser Frage unsere Art zu leben beeinflussen kann oder vielleicht auch sollte. - Wenn Jesus zum Beispiel den Gelähmten, der am Teich Betesda liegt, fragt: "Willst du gesund werden?", scheint das auf den ersten Blick eine völlig überflüssige Frage zu sein, tatsächlich kann man aber daran ablesen, dass Jesus sich von sich aus, ohne dass er darum gebeten wurde, dem Leidenden zuwendet und ihm eine Heilung seines Leidens anbietet - diese aber nicht ohne dessen Zustimmung gleichsam aufzwingt und sogar nicht gänzlich ohne sein Mitwirken vollziehen will. Losgelöst von einer konkreten Krankheit gilt diese Frage sicherlich auch uns: Wollen wir uns überhaupt von Jesus "heilen" lassen, und sind wir dabei auch zur selbstverantwortlichen Mitwirkung bereit? Erstaunlich aktuell klingt etwa auch Jesu Frage an die Zwölf, als sich viele Jünger von ihm abwenden: "Wollt auch ihr weggehen?" Eine Frage, die in jedem Fall aufzeigt, wie sehr Gott uns immer unsere Freiheit lässt, sich für oder auch gegen ihn zu entscheiden. Ganz zum Schluss des Johannes-Evangeliums muss sich schließlich Petrus, der Jesus bei seiner Passion dreimal verleugnet hatte, der alles entscheidenden Frage Jesu stellen, und zwar ebenfalls dreimal: "Liebst du mich?" - Es ist wirklich erstaunlich, wie leicht sich diese und weitere Fragen, die Jesus im Johannesevangelium ja ganz konkreten Personen in ihrer jeweiligen Situation stellt, ohne weiteres auch auf unser eigenes Leben übertragen lassen. Das zeigt, dass es sich dabei eben um wirkliche Lebensfragen handelt, Fragen, denen man im Lauf seines Lebens letztlich nicht ausweichen kann und die sich im Lauf eines Lebens auch immer wieder stellen werden, weil sie nicht so leicht und in der Regel auch nicht ein für alle Mal beantwortet werden können oder als Antwort eine permanente Umsetzung im Leben einfordern. Diese "Fragen auszuhalten und um Antworten zu ringen", dazu ermutigt das schöne, in vielfacher Hinsicht zum Nachdenken anregende Buch von Abt Johannes Eckert jedenfalls in sehr gelungener Weise.

Thomas Steinherr, Sankt Michaelsbund