Predigten

Das gemeinsame Haus Gottes

Predigt von P. Frank Möhler OSB am Kirchweihfest.

Wir feiern heute den Weihetag unserer Abteikirche. Und wir feiern zahlreiche Jubiläen: Profess, abgelegt in diesem Haus vor 70 Jahren, 65 Jahren, 60 Jahren, 50 Jahren und dazu die Priesterjubiläen: 65, 60 und auch 25 Jahre.

Was hat Kirchweihe mit den Jubiläen zu tun? Gibt es eine Verbundenheit der Jubiläen mit diesem Gotteshaus? Zunächst die Tatsache, dass die Jubilare hier vorne ihre Profess abgelegt haben, dass vielleicht auch manche die Priesterweihe hier empfangen haben, und dass zumindest der priesterliche Dienst hier vielfach geleistet wurde und wird: durch Gottesdienste, Beichten, Taufen, Hochzeiten, Gespräche etc.

Also der Weihetag dieser Kirche passt schon äußerlich sehr gut zu den Jubiläen. Sie bietet den baulichen Rahmen. Aber gibt es weitere Verbindungen?

Mit der Kirchweihe feiern wir nicht in erster Linie das Gebäude, sondern vielmehr, was es symbolisch darstellt: die Gemeinschaft der Kirche als Haus Gottes, das Haus, das aus „lebendigen Steinen auferbaut“  ist. Das Haus, das momentan sehr angeschlagen ist, das von außen, aber mehr noch von innen beschädigt ist. Trotz allem ist es das „Haus Gottes“, nicht unser Haus; und wir wissen momentan nicht so recht, wie Gott es umgestalten oder renovieren will. Manche sind für eine Radikalrenovierung, manche denken, dass es mit kosmetischen Ausbesserungen reichen würde und sind sich der Tragweite der Schädigungen nicht bewusst.

Die Kirche als Gemeinschaft, aber auch jede und jeder einzelne ist Haus Gottes, gebaut und berufen, Wohnung Gottes zu werden. „Tempel des Heiligen Geistes sind wir“, wie es Paulus ausdrückt. Kirchweihee heißt dann:  wir – jede und jeder einzelne ist geheiligt und geweiht durch die Taufe, ist selbst ein Haus Gottes, ein Gefäß in dem Gott wohnt. Könnte die Kirchweihe nicht auch so etwas wie eine Tauferinnerung sein – also ein Fest für uns alle?! Mit der Taufe sind wir schon geheiligt. Da gibt es eigentlich keine Steigerung mehr, weder durch die Profess, noch durch die Priesterweihe.

Durch das Professversprechen wird die Taufe konkret gemacht, stellt sich der Mönch hinein in eine Gemeinschaft und geht eine Bindung ein, nicht um besser dazustehen als andere Christen, sondern um das ernsthaft leben zu können, was in der schon Taufe grundgelegt ist, und er gibt sich als „Tempel des Heiligen Geistes“ nochmals hinein in ein konkretes, gemeinsames Haus Gottes, die klösterliche Gemeinschaft.

Und mit der Priesterweihe stelle ich mich in den amtlichen Dienst der Kirche: Priester bin ich nicht für mich, sondern für andere, amtliche beauftragt, dass andere ihr Geheiligtsein entdecken und leben können.

Wie das aussehen kann - gelebte Profess, gelebtes Priesteramt  - und wie erfüllend das sein kann, das zeigen unsere Jubilare auf eindrückliche Weise in ihrer Unterschiedlichkeit und an ganz verschiedenen Orten, hier, in Afrika, in Korea, 70, 65, 60 Jahre lang.

Wir feiern, dass Gott Wohnung genommen hat in jeder und jedem von uns und als Klostergemeinschaft feiern wir insbesondere: wir sind das nicht allein, jeder für sich, sondern wir wissen uns als Teil einer Gemeinschaft, als Teil eines gemeinsamen Auftrags.

In der Benediktsregel wird die klösterliche Gemeinschaft auch als „Haus Gottes“ (lat.: domus dei) bezeichnet. Und da nur Benedikt die Bezeichnung „Haus Gottes“ für das Kloster verwendet, sonst keine weitere Mönchsregel neben und vor ihm, scheint diese Bezeichnung für ihn besonders wichtig und aussagekräftig zu sein. Das urchristliche Symbol vom „Haus Gottes“ meint ja, wie gesagt, nicht zuerst das architektonische Gebilde, nicht den äußerlichen Bau der Kirche oder Klosters, sondern die Gemeinschaft derer, die sich hier einfinden. Der Mönch legt die Profess nicht auf einen äußeren Ort ab, sondern auf eine Gemeinschaft, in der er bleibt und wirkt, auch wenn er dies an einem anderen äußeren Ort tut.

Domus Dei, Haus Gottes, damit ist zuerst ausgedrückt:  Es ist das Haus, in dem Gott schon wohnt, das für uns auch unverfügbar bleibt, das Haus, das erfüllt ist von der Gegenwart Christi, die gefeiert wird in der Liturgie. In diesem Haus und dem, was darin geschieht, werden wir hineingenommen in etwas Größeres, das über diesen Ort hinausgeht.

In seinem Ersten Brief an die Korinther bezeichnet sich Paulus selbstbewusst als den Architekten der Gemeinde. Aber er formuliert nicht; „das Fundament, das ich gelegt habe“, sondern, das „Fundament welches gelegt ist“. Gott ist der, schon da ist. Er hat das Haus schon eingerichtet. Die Menschen sind seine Gäste; wir sind seine Gäste. Daran will Benedikt erinnern.

Wenn Gott nicht angefangen zu bauen, dann können wir nicht weiterbauen, dann gelingt das Projekt nicht.
„Baut nicht der Herr das Haus, mühen sich umsonst, die daran bauen!“ so beten wir mit Psalm 127.

Wenn Benedikt das Bild vom Haus Gottes in seiner Regel verwendet - das ist nur drei Mal - dann drückt er damit immer gleichzeitig aus, dass man nicht eigenmächtig in diesem Haus walten und schalten soll, sondern das Anliegen soll gewahrt bleiben, dass Christus der Hausherr ist und seine Gegenwart durchscheinen soll:  Der Cellerar etwa soll so sein, dass durch sein Verhalten „niemand verwirrt und traurig ist im Hause Gottes“ (vgl. RB 31, 19). Christus schafft Friede und er gibt Trost und Beistand, wie ein guter Hirte oder ein sorgsamer Arzt – wie es auch in unserm Evangelium durchgeklungen ist. Das soll auch in der Versorgung der Brüder durchkommen. Es soll ein Haus des Friedens sein.

Dann: Bei der Wahl des Abtes, sollen die Mönche einen bestellen, der sich als würdiger Verwalter für das Haus Gottes eignet, eben einer, der auf Christus verweist und nicht willkürlich schaltet und waltet (vgl. RB 64, 5), eben nicht Herr, sondern Verwalter ist.

Und schließlich kommt die Bezeichnung „Haus Gottes“ für das Kloster im Kapitel über die Gäste vor. Das Haus Gottes soll von Weisen weise verwaltet werden (vgl. RB 53, 22). D.h. die Gastbrüder und alle Mönche sollen sich nicht über die Gäste erheben, sondern sollen ihnen mit Gottesfurcht, eben Weisheit, begegnen. Sie sind nicht die Herren, sondern selbst Gäste im Haus Gottes.

Das Kloster als Haus Gottes, ist schließlich der Übungsort, die Schule für das Christus-Entgegengehen, da mir Christus schon immer entgegenkommt. Es ist interessant, dass Benedikt gerade dem Priester im Kloster sagt: er schreite mehr und mehr auf Gott zu (vgl. 62,4) statt sich auf sein Priesteramt zu viel einzubilden oder sich herauszunehmen.

Mehr und mehr auf Gott, auf Christus zuschreiten, dazu lädt unsere Abteikirche eingeladen; sie ist geradezu eine architektonische Umsetzung dieser Regelstelle: wir kommen herein und schreiten immer mehr auf den Auferstandenen am Kreuz zu. Und wir sind gemeinsam auf diesem Weg, ob als Mönch, ob als Priester Mönch, ob nach 70 Jahren oder als Novize. Wir sind alle noch im Unterwegssein, im Prozess; so ist das Haus Gottes, wie es Benedikt versteht, ein Haus der beständigen Beweglichkeit, der Veränderung (P. Anselm würde sagen: der Verwandlung), des beständigen Wachstums – selbst noch im hohen Alter und mit 65 Professjahren. Das macht das Leben im Kloster ja auch spannend. Weil ich meine Stabilität in Gott, in seinem Haus habe, mich in ihm fest verankere, kann ich beweglich bleiben, da ich in der Tiefe mit Christus verbunden bin.

In einem Haus, wohnen immer unterschiedliche Menschen. Das Kloster ist mannigfaltig und beherbergt auch ganz unterschiedlich Typen, die vielleicht im normalen Leben nie etwas miteinander zu tun hätten. Aber dem benediktinischen Haus Gottes steht dadurch eine Fülle von Begabungen, Fähigkeiten und Kompetenzen zu Verfügung: Künstler, Seelsorger, Automechaniker, Gärtner, Pförtner, Missionar usw. Bei aller Mannigfaltigkeit steht das Haus Gottes dafür, dass wir immer auch die Aufgabe haben, zum Frieden, zur Einmütigkeit und damit auch zur gemeinsamen Glaubwürdigkeit zurückzufinden, denn in Christus, sind wie alle eins (vgl. Gal 3,28), wie auch immer wieder in der RB betont wird.

Viele gehen heute in Distanz zur Kirche - auch aus sehr verständlichen Gründen. Da Kloster, unser Haus Gottes, kann zeigen:  Es braucht einen Ort und es braucht eine Gemeinschaft die in besonderer Weise mit Christus verbindet und verbunden ist. Man muss das Haus Gottes von innen erleben, man muss Kirche erleben in einer konkreten Gemeinschaft als Ort der Begegnung mit Christus und mit Gott. Nur wenn wir mittendrin sind und mittendrin bleiben, erahnen wir, was das Haus Gottes uns bietet.

Es ist ein schönes und wirksames Zeichen, dass wir heute alle gemeinsam und in aller Unterschiedlichkeit in diesem Haus Gottes und an dem einen Altar die unterschiedlichen Jubiläen feiern und dies mit Gästen, die dem Kloster als dem Haus Gottes nie fehlen, wie es der heilige Benedikt sagt. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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