Predigten

Euer Herz beunruhige sich nicht. Und verzage nicht

Predigt von P. Zacharias Heyes OSB am 6. Sonntag der Osterzeit.

Liebe Schwestern und Brüder,

schaue ich auf die letzten Wochen und Monate und auch die letzten zwei Jahre, so habe ich bei vielen Menschen gerade das Gegenteil erlebt: Beunruhigung und Verzagtheit.

Da war zunächst die Corona Pandemie, beginnend mit dem ersten Lockdown und dem Einschränken der sozialen Kontakte und der Gottesdienste - bis dahin, dass überhaupt keine Eucharistiefeiern mehr stattfanden in den Gemeinden. Als das einigermaßen überwunden war, kam das Missbrauchsgutachten der katholischen Kirche in München, das viele noch einmal schockiert und sprachlos zurückgelassen hat ob all dessen, was darin alles an Missbrauch zur Sprache gekommen ist.

Hinzu kommt die immer noch währende Krise im Erzbistum Köln rund um Kardinal Woelki.

Und dann kam der Krieg in der Ukraine.

In dieser Lage waren und sind viele beunruhigt. Sie haben sich gefragt: Kann man der Politik noch trauen wenn in der Pandemie heute so und morgen so entschieden wird und in unterschiedlichen Bundesländern verschiedene Regelungen gelten? Andere sind verzagt und kehren der Kirche den Rücken; auch die, die lange und sehr loyal zu ihr gehalten haben. Zuletzt der Generalvikar von Speyer, der verzagt ist und der Kirche keine Veränderung mehr zutraut und zur altkatholischen Kirche wechselt.

Dabei schwingt die Frage mit: „Wer gibt uns Orientierung, wenn selbst die Kirche nicht mehr glaubwürdig ist?“

Und der Krieg beunruhigt viele, weil keiner weiß, wie dieser weitergeht und ein Ende finden kann, was Putin vor hat und wie er agieren wird; sind beunruhigt ob der weltweiten Auswirkungen dieses Krieges - sei es die Ernährungssituation in den Entwicklungsländern oder die Steigerung der Lebensmittel-, Rohstoff- und Baustoffpreise.

Und manch einer ist dabei der Verzweiflung nahe - weil er auch an sich selbst zweifelt ob seiner begrenzten Möglichkeiten, etwas zu einer Veränderung beitragen zu können. Menschen fühlen sich ohnmächtig, machtlos, haltlos, allein gelassen und sehen, dass sie auf die große Welt – und auch Kirchenpolitik keinen Einfluss haben.

Die Frage „Warum dies alles geschieht?“, die in der Regel ohne Antwort bleibt, kann zusätzlich nervös, unruhig, wütend machen.

Mir fiel in diesem Zusammenhang ein Zitat des heiligen Benedikt ein, dass er am Ende des vierten Kapitels seiner Regel schreibt. Es ist das Kapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst. In 78 Versen zählt er darin Dinge auf, die ein Mönch auf seinem geistlichen Weg beachten soll; wie z.B. „den Leib in Zucht nehmen, sich Genüssen nicht hingeben, das Fasten lieben, sich dem Treiben der Welt entziehen, von der Liebe nicht lassen.“

Liest man diese Dinge, bekommt man leicht das Gefühl: „das schaffe ich doch eh nicht, hier sind meine Möglichkeiten begrenzt; ich kleiner Mensch und Mönch - wie soll ich all das jemals erfüllen?“

Als letzten Satz schreibt Benedikt in diesem Kapitel:“ …und an der Barmherzigkeit Gottes niemals verzweifeln.“ Ein starker Satz.

Der Mensch soll nicht daran zweifeln und schon gar nicht verzweifeln - ich kann auch sagen beunruhigt sein - dass Gott barmherzig mit ihm ist bzw. er sich nicht des Menschen erbarmt. Gott hat Geduld mit der Schwäche des Menschen!

Bei Gott gibt es kein Scheitern, sondern immer nur einen neuen Anfang, ein neues Wagen dessen, was Mönch-Sein, was Mensch-Sein im Sinne Gottes meint. In der hebräischen Sprache ist das Wort „Barmherzigkeit“ eng verbunden mit dem Wort „Mutterschoß“ und „Gebärmutter“. Es meint einen bergenden Ort.

In der Barmherzigkeit Gottes sind wir alle geborgen und aufgehoben. In der Barmherzigkeit eines Gottes, der Mensch und Welt liebend im Blick hat und nicht verurteilt. „Barmherzigkeit“ ist auch das zentrale Wort der Verkündigung Jesu. Er sagt sehr klar: „Barmherzigkeit will ich, NICHT Opfer“ (Mt 9,13). Deutlicher geht es nicht!!!

Ich halte es auf diesem Hintergrund für absolut unverständlich, das bis heute in Theologie und Verkündigung behauptet wird, dass Jesu Leiden und Sterben ein Opfer gewesen sei! Und zwar eines, durch das uns Christus erlöst hat! Mit anderen Worten: das die Vergebung der Sünden bewirkt hat. Eines, das notwendig war, damit Gott uns die Sünden vergibt.

Was aber wäre das für ein Gott, der ein blutiges Opfer verlangt - wenn er doch der BARMHERZIGE ist. Wenn wir sehen wie brutal Menschen im Krieg jetzt hin geschlachtet werden: Soll so ein Hinschlachten am Kreuz die Forderung Gottes zur Vergebung der Sünden, für die Erlösung sein?

Die Hingabe Jesu am Kreuz ist Folge seiner Verkündigung vom bedingungslos liebenden und barmherzigen Gott, die einige wütend gemacht hat und die ihn loswerden wollten. Wäre Jesus diese Konsequenz nicht eingegangen, hätte er genau diese Botschaft verraten und wäre sich selbst untreu geworden. Ihm ist diese Botschaft der Barmherzigkeit so wichtig, dass er dafür stirbt und sich hingibt.

Gott ist einer, der mit seiner Barmherzigkeit immer in Vorleistung geht. Wir Menschen müssen nichts tun, um sie zu erlangen. Sie wird uns geschenkt!

Hier sei nur die Bekehrung des Zöllners und Sünders Zachäus erwähnt. Bei ihm ist Jesus zu Gast, er lädt sich selber ein, schenkt Zachäus seine Nähe, seine Liebe, wendet sich ihm barmherzig zu. Dann – als er sich liebend und barmherzig angeschaut weiß und er spürt, bei Jesus kann er zur Ruhe kommen - ändert sich Zachäus, ändert er sein Leben, handelt anders. Nicht umgekehrt! (vgl. Lk 19,1-10)

Das Mahl, dass wir Sonntag für Sonntag feiern, ist ein Mahl der Liebe und der Barmherzigkeit. „Leib und Blut Christi“ meint in der aramäischen Sprache Jesu nichts anderes als „Das bin ich für euch“. Christus mit seiner Barmherzigkeit schenkt sich uns und wir werden eins mit ihm. Darin dürfen wir uns bergen. Gott hält uns bei sich geborgen. Wir werden eins mit dem BARMHERZIGEN.

Diese barmherzige Liebe Gottes hat diesen Christus durch den Tod, durch alles Zerstörerische, durch alle Gewalt durchgeführt zum neuen Leben. Gott lässt nicht zu, dass die zerstörerischen Mächte dieser Welt stärker sind und am Ende den Sieg davon tragen.

Natürlich ist das für Menschen, die an der Politik, an der Kirche verzweifeln, die gerade Krieg erleben, schwierig zu glauben. Ich kenne und weiß aber auch von Menschen, die sich gerade in schweren Situationen genau daran fest gemacht haben und fest machen. An dem Vertrauen in einen barmherzigen Gott, der uns trägt.

Viele haben die Pandemie, die gottesdienstlose Zeit in dieser Hinsicht als Herausforderung begriffen –– haben gespürt, dass sie auf sich selbst verwiesen sind und haben nach Wegen gesucht, in der inneren Christus- Beziehung zu bleiben, im BARMHERZIGEN sich zu verankern.

Ich finde es bemerkenswert, dass der Auferstandene die Menschen, denen er begegnet, mit „Der Friede sei mit euch“ begrüßt. Er sagt nicht: „Bekehrt euch, glaubt an mich!“ Nein, er sagt: „Friede“.

Weil er auferstanden ist, weil er die Todesmächte überwunden hat, darf ich in mir Frieden haben. Ich darf die Kleinkriege gegen mich selber beenden. Ich muss meine Energie nicht länger in das Ärgern über mich selber stecken, über all das, was ich  nicht schaffe oder wo ich wieder gescheitert bin oder wo ich mich als ohnmächtig erlebe. Ich darf mit mir im Frieden sein, weil ich barmherzig, liebend angeschaut bin. Das darf tragender Grund sein, darf mein Herz beruhigen, mir inneren Frieden schenken.

Ich war gerade einige Tage in Flüeli in der Schweiz, dem Ort des Einsiedlers Bruder Klaus. Er ist der Friedensheilige. Seine Einsiedelei in der tiefen Schlucht des Flusses Melchaa ist Sinnbild dessen, was er in 20 Jahren Einsiedlerlebens erfahren hat: Er ist hinab gestiegen in seine eigene Tiefe, in seinen göttlichen Wesensgrund, in den Friedensgrund in sich. Sein überliefertes Wort lautet: „Friede ist allweg in Gott.“

In dieser allumfassenden, die Welt tragenden, in mir gegenwärtigen göttlichen Macht und Wirklichkeit, die viel größer und weiter ist als unsere Kirchengrenzen, als unsere kirchenrechtlichen Grenzen, als die institutionelle Verfasstheit der Kirche, darf ich mich verankern und festmachen. Und muss mich nicht festbeißen an den manchmal sehr menschengemachten und dogmatischen Grenzen unserer Kirche.

Es geht um Größeres, Tieferes! Wenn ich mich verankere und festmache in dem bergenden, barmherzigen Blick Gottes, der mir inneren Friedens schenkt, kann ich diesen weiter schenken, anderen Frieden geben und die Welt verändern. Wir brauchen nicht verzagen, wir brauchen nicht beunruhigt sein. Wir dürfen als BARMHERZIGE Menschen des Friedens leben.

Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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