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Predigten

Hoffnung in der Verheißung

Predigt von P. Anselm Grün am 2. Sonntag im Advent.

Stefan Zweig erzählt in seinen Sternstunden der Menschheit von Georg Friedrich Händel, der verzweifelt und krank nach einigen Misserfolgen in dem Manuskript liest, das ihm Charles Jennens geschickt hatte. Es ist ein Manuskript mit lauter Bibelzitaten. Das erste Wort ist das, was wir in der Lesung gehört haben: „Tröste dich, tröste dich mein Volk, spricht dein Gott.“ Das Wort hat Händel in seiner depressiven Stimmung so berührt, dass er sich hinsetzte und wie Stefan Zweig scheibt, wie in einem Rausch innerhalb von 24 Tagen das Oratorium des Messias komponierte. Stefan Zweig meint, es sei für ihn die Erfahrung von Auferstehung gewesen.

Eine Auferstehungserfahrung durften auch die vielen vom Krieg gezeichneten Menschen machen, als man in der Adventszeit 1945 in Würzburg den Messias aufführte. P. Ludger erzählte mir, dass er, der noch an seinem Bauchschuss laborierte, mit dicken Mantel in den kalten Saal ging. Doch als Musik erklang und er die Worte hörte: „Verkündet der Stadt, dass ihre Knechtschaft zu Ende ist und ihre Schuld beglichen ist“, da stieg in ihm auf einmal ein Gefühl von Hoffnung und Zuversicht und zugleich von Heimat und Geborgenheit auf. Mitten in der zerstörten Stadt erlebte er, wie sich der Himmel öffnete und sich für ihn und die ganze Stadt ein neuer Horizont aufging: ein Horizont, in dem Gott mit seinem Licht und seiner Liebe einbrach in diese zerstörte Stadt. Unsere Zeit ist heute nicht gerade von Hoffnung geprägt. So täte es uns gut, wenn wir die Worte aus dem Propheten Jesaja in unsere so hoffnungsarme Zeit hineinsprechen und in der Musik hineinklingen lassen, dass sie in uns die Hoffnung wecken: Auch über unserer Zeit liegt die Verheißung Gottes, diese Welt zu verwandeln und sie mit seinem Licht zu derhellen.

Der Evangelist Markus greift die Worte aus dem Propheten Jesaja zu Beginn seines Evangeliums auf, aber er deutet sie auf seine Weise. Das erste Wort des Markusevangeliums lautet „arche = Anfang“. Es ist auch das erste Wort der Bibel, mit dem die Schöpfungsgeschichte beginnt. Im Anfang war die Erde wüst und leer. Doch in diese Wüste hinein sprach Gott sein Wort: „Es werde Licht“. Bei Jesaja heißt es: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste!“ Doch Markus verändert bewusst diesen Text, wenn er schreibt: „Eine Stimme ruft in der Wüste“. In Jesus ertönt die Stimme Gottes in der Wüste unserer Welt, um uns einen neuen Anfang zu verkünden und um Licht zu bringen in unsere Dunkelheit. Dieses Licht ist Evangelium, die Frohe Botschaft, eine Botschaft, die Freude bringt in unser manchmal so graues Leben.

Die Wüste sehen wir nicht nur in den Verwüstungen des Krieges, die uns täglich vor Augen geführt werden, die Wüste ist in uns. In uns ist es oft wüst und leer. Da brauchen wir das Wort Jesu, das Licht bringt in diese Wüste, das Wärme bringt in unsere Kälte und Orientierung in unsere Orientierungslosigkeit. Dann beginnt auch in uns eine neue Schöpfung, ein neuer Anfang. Doch damit dieser neue Anfang möglich wird, müssen wir selbst etwas tun. Wir sollen dem Herrn den Weg bereiten und die Straßen ebnen, damit er bei uns ankommen kann, damit seine Botschaft uns erreicht. Damit wir einen neuen Anfang im Wirken Jesu erleben können, müssen wir umdenken, wie Johannes der Täufer es fordert: „Metanoia“ bedeutet ein neues Denken. Wenn wir in unserem Denken alles kontrollieren oder uns alles so zurechtbiegen, damit es uns bestätigt, dann hat das Wort Gottes keine Chance, in uns anzukommen. Umdenken bedeutet, offen zu sein für das neue Denken, das in den Worten Jesu aufscheint. Und es heißt auch, die Fixierung auf das Dunkle in der Welt aufzugeben und in aller Dunkelheit auch das Licht erkennen, das in Jesus schon zu uns hinabgestiegen ist und in dieser Adventszeit immer mehr zu uns hinabsteigt, wie es in der Adventsinstallation vorne in der Kirche so schön zu sehen ist.

Johannes verkündet die Taufe zur Vergebung der Sünden. Offensichtlich hat das die Menschen aus dem ganzen Land angezogen. Sie hatten das Bedürfnis, ihre Sünden zu bekennen und in der Taufe reingewaschen zu werden, ihre Altlasten zu begraben. Doch Johannes verweist auf die Taufe, die Jesus spenden wird, nicht die Taufe mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist. Der Heilige Geist, den Jesus uns vermittelt in seinen Worten und in seinem Wirken, will uns reinigen von allem, was das ursprüngliche Bild trübt, das Gott sich in der Schöpfung von uns gemacht hat, als er uns nach seinem Bild und Gleichnis schuf. Jesus will in seiner Botschaft dieses ursprüngliche Bild in uns wieder zum Leuchten bringen, indem er uns mit seinem Geist erfüllt.

Das Markusevangelium beginnt in der Wüste. Die Wüste ist für ihn und auch für die frühen Mönche der Ort der Dämonen, der Ort, an dem uns krankmachende Lebensmuster bestimmen, unser Perfektionismus, unsere Sucht, alles kontrollieren zu wollen, der Drang, jedes Bedürfnis sofort befriedigen zu müssen, und unsere inneren Antreiber, die uns ständig überfordern, weil sie immer noch mehr von uns verlangen und uns vermitteln: Du bist nicht gut genug. Jesus wird die Menschen in seinem Wirken von den Dämonen befreien und sie zu ihrer ursprünglichen Freiheit befähigen.

Die Adventszeit lädt uns ein, uns unserer eigenen Wüste bewusst zu werden. In vielen Gespräche erkenne ich, dass bei vielen heute diese Wüste als Gefühl innerer Leere auftaucht. Sie haben soviel gearbeitet und fühlen jetzt leer. Der ständige Druck, sich selbst zu optimieren, führt – wie Psychologen sagen – zum Gefühl innerer Leere. Viele versuchen, dieser Leere zu entrinnen, indem sie sie mit vielen Aktivitäten zudecken oder mit ständig neuen Informationen zuschütten. Doch die Leere will zuerst angenommen und angeschaut werden, damit sie verwandelt wird. Es gibt zwei Wege, auf die Leere zu reagieren. Die erste Weise, sie Jesus hinzuhalten, damit seine Worte die Wüste verwandeln, das Krumme in uns gerade richten und das Hüglige eben machen. Die Worte Jesu wollen meine Wüste zum Blühen bringen, sie wollen mich befreien von allem Ballast, der mich daran hindert, meinen Weg zu gehen, so wie ihn Gott mir zutraut.

Der zweite Weg, auf die Leere zu reagieren ist, sich selbst vom eigenen Ego zu entleeren, vom Ego, das immer um sich kreist und auch Gott noch für sich vereinnahmen möchte. Wir sollen durch die Leere hindurchgehen und uns in Gott hineinfallen lassen, damit er uns neu formt, dass er in uns einen neuen Anfang setzt, den Anfang einer neuen Schöpfung. Wenn wir uns in unserer Leere Gott gegenüber öffnen, kann seine Liebe in sie hineinströmen und uns neu schaffen, so wie er es im Schöpfungsbericht getan hat: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis, als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott sah, dass alles sehr gut war, oder wie die Griechen übersetzen, dass alles sehr schön war.“ Amen.