Predigten

In Zeiten der Krise: Durststrecken und Wasser in der Wüste

Predigt von P. Maurus Schniertshauer OSB am 3. Sonntag der Fastenzeit zu Ex 17, 3-7.

Warum lässt Gott das zu? Warum lässt er es zu, dass sein Volk in solche Gefahr kommt und am Abgrund steht?

Liebe Brüder und Schwestern, die Geschichte, die wir da in der Lesung gehört haben, hat sich vor über 3000 Jahren ereignet, aber vielleicht hat sie ja auch uns heute noch etwas zu sagen.
Es ist ein Notschrei, der da in der Lesung erklingt. Dass die Leute, die da mit letzter Kraft durch die Wüste irren, in ihrem Zorn und in ihrer Verzweiflung anfangen zu murren, das ist ja nur zu gut zu verstehen – auch wenn unser Vater, der Heilige Benedikt, das Murren in seiner Regel verboten hat. (Aber wer von uns kann schon behaupten, dass er immer ganz nach der Regel des Heiligen Benedikt lebt?)

Ja, ich glaube, mit „Murren“ ist die Situation sogar viel zu harmlos zum Ausdruck gebracht! In Wirklichkeit standen die Leute kurz davor, den Mose zu erschlagen! Um das lebensnotwendige Wasser, geht es sowohl in der Lesung, als auch in dem Evangelium, das wir heute gehört haben. Freilich, es geht dabei nicht nur um den leiblichen Durst nach Wasser, sondern es geht dabei auch um den Durst im übertragenen Sinn des Wortes. Denn, wir alle wissen es ja, man kann sich auch ohne dass man auf einer Wüstenwanderung unterwegs ist, wie in einer Wüste vorkommen: „Hilfe, ich verdurste“ - so schreit jeder, der nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll und dessen Hoffnung ausgetrocknet ist.

Liebe Brüder und Schwestern, ich muss zugeben, dass ich die Geschichte vom Auszug des Volkes Israel lange Zeit zu oberflächlich gelesen habe. Ich habe die langen Durststrecken ganz einfach übersehen. Ein wenig naiv und ganz im Stil eines Märchens hab ich mir das ein bisschen zu einfach vorgestellt. In meiner Vorstellung hat Gott sozusagen immer sofort gehandelt: Wenn das Volk Hunger hatte, ist sofort Manna vom Himmel gefallen; wenn es Durst hatte, war sofort eine Quelle da; wenn Feinde kamen hat Gott sofort eingegriffen! Aber so steht es nicht in der Bibel! Da hört man davon, dass das Volk drei Tage lang ohne Wasser umherirrte (3 Tage ohne Wasser, das heiß: kurz vor dem Verdursten)! Da ist von der grenzenlosen Verzweiflung die Rede, die das Volk zu Mose rufen ließ: Warum hast du uns aus Ägypten herausgeführt, damit wir hier in der Wüste elendiglich umkommen?
Der Weg ins gelobte Land, war in Wirklichkeit ein Unternehmen, das die Israeliten mehr als einmal hart an den Rand der Verzweiflung und der Rebellion gegen Gott und gegen Mose gebracht hat. Der Weg aus Ägypten hat oft genug viel eher einem Weg ins Nirwana geglichen, als einer Reise unter dem Schutz und dem Segen Gottes. Und wenn wir die Bibel wirklich aufmerksam lesen, dann müssen wir es uns glaube ich eingestehen: Die Hilfe von Gott, die ist oft erst im allerletzten Augenblick gekommen, als das Volk kurz davor war, endgültig aufzugeben und jede Hoffnung zu verlieren.

Liebe Mitchristen, ich denke, wir müssen auch heute damit rechnen, dass es uns manchmal ähnlich ergeht. Bevor man die Quellen findet, aus denen man Kraft und Leben schöpfen kann, bevor einem Gott das „lebendige Wasser“ schenkt, steht oft die Erfahrung einer schrecklichen Durststrecke und das Gefühl von Gott vergessen und verlassen zu sein. Wer solche Durststrecken in seinem Leben kennt, der sollte sich an all das erinnern, was dem Volk Israel auf seiner Wüstenwanderung begegnet ist. Denn dazu ist diese Geschichte aufgeschrieben worden, damit wir in den Situationen, wo wir meinen, Gott habe uns vergessen, und kurz davor stehen, aufzugeben, im Blick auf das, was damals geschah, unseren Mut nicht endgültig sinken lassen und neue Hoffnung schöpfen.

Und vielleicht wäre es ja auch angebracht – und damit erhielte die Mahnung des Heiligen Benedikt dann doch eine Berechtigung – vielleicht wäre es auch angebracht, die Kraft der Verzweiflung, die sich da im Murren gegen Moses und die Führer des Volkes entlädt, ein wenig umzuleiten und sie zur Kraft werden zu lassen, die unser Gebet um Gottes Hilfe antreibt und befeuert. Ja, das denke ich wirklich, wenn wir wenigstens etwas von der Kraft, die sich im Murren entlädt, in unser Gebet investieren würden, dann wäre für uns, für Gottes Volk und für diese Welt nicht wenig gewonnen!

Warum aber lässt Gott uns warten? Warum handelt er nicht sofort, wenn wir in Not sind? Vielleicht hängt es ja damit zusammen, dass wir nicht bereit sind, seine Wege zu gehen. Das jedenfalls war wohl immer wieder das entscheidende Problem auf dem Weg des Volkes Israel. „Mein Volk hat nicht auf meine Stimme gehört, sie wandelten auf ihren eigenen Wegen“, so heißt es im 81. Psalm. Und dann geht es weiter: „Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen“!

Durststrecken und Krisen sind Chancen zur Umkehr. Und vielleicht ist es ja so: Wenn wir immer wieder einfach weitermachen, wie bisher, dann lässt Gott uns weitermachen, solange bis es wirklich fast zu spät ist. Wenn wir aber unsere Wege ändern, dann gilt das Versprechen, das im gleichen Psalm gemacht wird: „Ach dass doch mein Volk auf mich hörte, dass Israel auf meinen Wegen ginge! Wie bald würde ich es nähren mit bestem Weizen und mit Wasser und Honig aus dem Felsen sättigen“.

Liebe Brüder und Schwestern, um „lebendiges Wasser“, das den Durst nach Leben wahrhaft stillt, geht es dann auch in dem Gespräch, das Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen führt. Die Quelle, die diesen Durst stillen kann, die hat die samaritische Frau auch nicht sofort gefunden. Auch in ihrem Leben gab es mancherlei Irrwege. Jetzt aber am Jakobsbrunnen beginnt ein Gespräch und in diesem Gespräch wird die Frau von Jesus dahin geführt, dass sie die Quelle zu erkennen beginnt, aus der wahres Leben strömt. Die Quelle ist Jesus selbst. Das Wasser, das man daraus schöpfen kann, ist seine Freundschaft. Diese Freundschaft bietet Jesus auch uns heute an.

Und wenn es in der Präfation vor dem Hochgebet dieser Messe dann heißt, dass Jesus selbst nach dem Glauben dieser Frau dürstete, dann klingt in diesem Durst auch etwas von dem sehnlichen Verlangen Gottes an! Gott wartet darauf, dass wir ihm vertrauen und auf seinen Wegen gehen, damit er uns sättigen kann mit dem Wasser aus dem Felsen. Die Voraussetzung dafür ist unsere Bereitschaft zur Umkehr. Wenn wir nicht einfach immer so weitermachen, wie bisher, sondern auf seine Stimme hören und auf seinen Wegen gehen, dann fließt das Wasser in der Wüste.

Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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