Predigten

Maria - Typus der Kirche

Predigt von P. Placidus Berger OSB an Mariä Himmelfahrt.

Das Konzil hat uns zum heutigen Fest zwei bedenkenswerte Texte geliefert. Sie finden sich in der Konstitution über die Kirche, wohlgemerkt über die Kirche. Dort heißt es, weil die Verehrung der Muttergottes so bedeutungsvoll ist:

"Daher wird sie als auch als überragendes und völlig einzigartiges Glied der Kirche wie auch als ihr Typus und klarstes Urbild im Glauben und in der Liebe gegrüßt, und die katholische Kirche verehrt sie, vom Heiligen Geist belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter." Art. 53

"Wie die Mutter Jesu, im Himmel schon mit Leib und Seele verherrlicht, Bild und Anfang der in der kommenden Weltzeit zu vollendenden Kirche ist, so leuchtet sie auch hier auf Erden in der Zwischenzeit bis zur Ankunft des Tages des Herrn (vgl. 2 Petrus 3,10) als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran." Art. 68

Einige Worte brauchen Erläuterung: Das Konzil spricht von Urbild, nicht nur Vorbild.Das klingt im Deutschen ähnlich, aber im Lateinischen sind es zwei total verschiedene Worte. Vorbild heißt exemplum, Urbild aber heißt Typus. Vorbild ist etwas, was man nachahmen soll, Urbild sagt aus, was man ist, was Sinn und Zweck unserer Existenz ist.

Typus heißt hier also:Maria ist typisch für das was Kirche ist, und zwar als Weltgemeinschaft und als einzelner Christ. So wie Maria, so ist die Kirche, so ist jeder Christ. Was für sie gilt, gilt für alle. Ein Tiefenpsychologe würde es vielleicht sogar Archetypus nennen.

Und das Ganze nicht hauptsächlich in dogmatischen Aussagen, sondern auf bildlicher Ebene, es ist anschaubar. Daher die große Zahl der Muttergottes-Darstellungen, die Marienkirchen, die Wallfahrten. Die mussten einfach kommen, weil Maria das große Bild ist.

Und ich schätze mich glücklich, dass ich heute genau an der Seite einer sowohl künstlerisch wie theologisch so gelungenen Darstellung das Lob dieses Urbildes singen darf. Ich gehe nie an dieser Darstellung vorbei, ohne innerlich zwei Zeilen aus unserem  fränkischen Marienlied zu singen, allerdings in der erzbischöflich-bambergischen Fassung, wo es heißt:

Du willst uns allen Mutter sein,
wer dir vertraut, ist nie allein.
Wir geben dir in deine Hand
die Heimat unser Frankenland.

Aber gleich daneben ist noch ein anderes Marienbild. Wenn man zur Kirchentür hinausgeht in den Kreuzgang, dann ist gleich rechts neben der Tür ein Gemälde, auf dem Maria wieder den Jesus auf dem Schoß hat, aber nicht das kleine segnende Kind, sondern den eben vom Kreuz abgenommenen toten Jesus und Maria zieht ihm mit ihrer Hand die letzten aus der Dornenkrone übriggebliebenen Dornen heraus auf dem Haupt.

Auch hier ist Maria Urbild der Kirche, die auch ihre verstorbenen Kinder und die trauernden Mütter noch liebevoll umsorgt.

Nun, das erste, was uns heute an diesem Festtag zu diesem Urbild gesagt wird, ist natürlich Mariens Aufnahme in den Himmel. Das ist urbildlich, es gilt für die ganze Kirche, für alle Christen. Es sagt aus, was die letzte Bestimmung und das eigentliche Wesen der Kirche ist, nämlich in der kommenden Welt des ewigen Reiches Gottes zu existieren und dass die irdische Existenz mit ihren vielen Mühsalen die beste Vorbereitung darauf ist.

Als zweites wird uns gesagt, dass Maria urbildlich die Mutter der Kirche ist, das heißt, dass die Kirche ein mütterliches Wesen haben soll. Daher sprechen wir auch seit eh und ja von der „Mutter Kirche“. Keiner selbst der frechsten Machos unter den Theologen hat es ja gewagt, von „“Vater Kirche“ zu sprechen; auch die hielten sich selbstverständlich an den Ausdruck „Mutter Kirche“.

Und das zeigt sich anschaulich und sichtbar in der Kirche. Überall, wo Gläubige sich um Menschen kümmern, die wie einsame und verlassene Kinder sind, wo Not zu lindern und Trost zu spenden ist, wo Zuflucht suchende aufgenommen werden, da zeigt sich die mütterliche Natur der Kirche.

Aber wenn man heutzutage feststellen muss, dass die Pflegestation in so manchem Krankenhaus, dass Kinder- und Altersheime wegen Mangel an Klosterfrauen in staatliche Verwaltung übergeben werden müssen, dann sehe ich hier einen spürbaren Verlust an Mütterlichkeit der Kirche. Dies gilt zumindest in unserer westlichen Kultur, in Ostasien habe ich es anders erlebt. Vielleicht wird sich die westliche Urgroßmutter Kirche hier bald von der erfrischenden jugendlichen Mütterlichkeit in Missionsländern erneuern lassen können.

Und da ist noch ein Drittes, was aus der Liturgie der Marienfeste auffällt, und damit begeben wir uns allerdings auf das Gebiet der höheren Mathematik bzw. der höheren Logik in der Theologie. Und das ist ein bisschen schwierig.
Auffällig sind die häufigen Lesungen aus der Weisheitsliteratur des AT,- oder für solche, die manchmal sogar an einer Marien-Andacht teilnehmen, die Bezeichnung Mariens als Sitz der Weisheit in der Lauretanischen Litanei. Die Weisheit wird bereits im AT wie eine Tochter Gottes beschrieben, die schon bei der Schöpfung dabei war. Eine solche Vorstellung machte den Juden keine besonderen Schwierigkeiten. Denn das Buch der Weisheit wurde in Ägypten geschrieben, und zwar auf Griechisch, weil die Diaspora-Juden in Alexandrien schon kein Hebräisch mehr verstanden.

Daher waren ihnen ähnliche Vorstellungen aus den Ägyptischen Mysterien-Religionen längst bekannt, speziell aus den Isis-Mysterien. Die Göttin Isis wurde dort beschrieben als Tochter und Gattin des Höchsten Gottes, mit dem zusammen sie den Weltenschöpfer Logos gebar. Sie galt auch als Göttin von Kunst und Wissenschaft und als Sitz der Weisheit. Logos bedeutet übrigens die denkende Intelligenz Gottes und sein Wort, das aus dieser Intelligenz hervorkommt.

Und nun kommt der Hammer. Jetzt heißt es für mich: Vorsicht aufgepasst, den jetzt befinde ich mich auf einer Gratwanderung. Also.

Der Verfasser des Johannes-Evangeliums bezeichnet auch den als Mensch geborenen Sohn Gottes und Sohn Mariens mit Worten der alten griechischen Philosophen als fleischgewordenen Logos. In den Schriften des Apostels Paulus wird dieser Logos häufig als die Weisheit Gottes angesprochen, in dem „alle Schätze der Weisheit verborgen sind“ (Kol 2,3). Kein Wunder, dass schon die ersten christlichen Schriftsteller dann Maria als die Mutter und den Sitz der Weisheit titulierten. Und daher haben wir bis heute die Lesungen aus der Weisheits­literatur undsingen in der Litanei noch heute: „Du Sitz der Weisheit, bitte für uns.“ Auch das ist urbildlich. Es sagt uns, die Kirche müsse ein Sitz der Weisheit sein, mehr als bloß eine weltweite Verwaltungs-Organisation.

Zum Schluss möchte ich euch noch einen vielsagenden Text aus dem Buch der Weisheit vorlesen (Kap. 7, Vers 22-27). Dieses ist das letzte Buch des AT. Es wurde zur Zeit der letzten Pharaonin Kleopatra in Ägypten auf Griechisch geschrieben und hat keinen hebräischen Urtext. Es atmet etwas hellenistischen Geist. Nun höret also und staunet!

„In der Weisheit ist ein Geist, und der ist vernunftvoll,
er ist heilig-einzigartig, mannigfaltig, zart, beweglich-durchdringend, unbefleckt-klar, unverletzlich, das Gute liebend,
scharf, nicht zu hemmen,
wohltätig, menschenfreundlich,
fest, sicher, ohne Sorge, alles vermögend, alles überschauend
und alle Geister durchdringend, die gedankenvollen, reinen und zartesten.
Die Weisheit ist beweglicher als alle Bewegung:
in ihrer Reinheit durchdringt und durchwaltet sie alles.
Sie ist ein Hauch der Kraft Gottes und reiner Ausfluss der Herrlichkeit des Allherrschers. Darum dringt nichts Verunreinigtes in sie ein.
Sie ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft,
das Bild seiner Güte.
Sie ist nur eine und vermag doch alles. Ohne sich zu ändern, erneuert sie alles.“

Soweit die erhabenen Worte dieser heiligen Lesung.

Liebe Zuhörer, diese Verse sollten sich alle, Hierarchen und Laien, Männer und Frauen, welche die Kirche nach diesem Urbild erneuern wollen, in leuchtenden Lettern auf einen Poster schreiben und in ihrem Büro aufhängen.
Auch diese Verse gehören zu dem Urbild namens Maria. Sie sagen: Vielmehr als ein globaler Verwaltungskoloss  muss die Kirche ein Hort der Weisheit sein, und zwar einer mütterlichen Weisheit. Dies zu verwirklichen seid ihr alle berufen, Männer wie Frauen.

Und hier noch einmal der letzte Satzunserer Bibelstelle:
„Ohne sich zu ändern, erneuert sie alles“. Amen

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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