Predigten

Seid vollkommen wie Gott

Predigt zu Erntedank Mt 5,42-48 – Predigt von P. Meinrad Dufner OSB an Erntedank, am 7. Oktober 2018, in der Abteikirche Münsterschwarzach

Vor mir Kraut und Rüben, Wurst und Brot, Milch und Honig, 
Kartoffel, Salat, Wein und Wasser,
alles, was das Jahr bescherte.
Auch Geist und Gedanken, Gefertigtes und Gebautes, Gelesenes und Gehörtes,
Erkenntnis und Reifen,
Zeit – ein volles Leben:
Recht so – es ist Erntedank. 

Wo aber leg ich das Andere hin?
Den einen hat 2018 einen wunderbaren Sommer beschert,
den anderen eine schlimme Trockenheit.
Wo liegt Verlust und Tod, wo wird Krankheit, Krieg, Versagen, Schmerz, Wut
Enttäuschung an anderen, an mir hingelegt?

Soll ich damit hadern, soll ich’s verfluchen, verdammen,
soll ich’s leugnen, totschlagen?

Wie denn?!
Leben ist immer gegensätzlich.
Tag und Nacht, stark und schwach, Gesundheit – Krankheit,
bei meiner Geburt: Einatmen – als letztes vor meinem Tod: Ausatmen,
schöner Sommer – schlimme Dürre.

Ich will den Erntetisch noch erweitern.
Hoher Lebensstandard in unserem Land – andere beneiden uns deshalb,
und wachsende Kinderarmut.
Niedrigste Arbeitslosenquote – andere beneiden uns deshalb,
und große Zukunftsangst in vielen Herzen.
Vergangenheitsbewältigung (wir dachten – genug)
und schon wieder Vergangenheitsglorifizierung.
Große Gegensätze überall.

Und angesichts dessen wachsen, wie Pilze in einem feuchten Jahr, Fundamentalismen jedweder Art.

In Einseitigkeiten scheint die Lösung aller Probleme des Lebendigen zu liegen.

Die Einseitigkeit vereinfacht, das komplizierte Geflecht von Ich und Du,
von Wir national und alle anderen global,
das komplizierte Geflecht der Wirklichkeit und Wahrheit wird sortierbar in das, was ich für gut halte und das, was ich für schlecht halte.

Im vorher verlesenen Evangelium Mt 5,42-48 sagte Jesus „Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater, er lässt regnen über Böse und Gute.“

Er ist téleios (griechisch), wir übersetzen mit „vollkommen“.
Diese Wendung lässt alles gleich ins Moralische einseitig eng werden.
Seid ganz, das Ganze als Leben und lebendig annehmend, wie euer himmlischer Vater, ist gemeint.
téleios ist auch die Vollmächtigkeit des Göttlichen,
es ist Kompetenz für ein volles Können und Leben,
es ist vollständig, ganz.
Es ist wie der Kosmos der Welt mit der Menge aller Arten von Wesen (nur unsere Hirne nennen etwas „Unkraut“)
Téleios = das volle Jahr.

Seid vollkommen wie Gott – heißt:
Gott trauen: Er weiß, Er wirkt, Er ist

Gottesglaube ist nicht das enge Korsett unserer Konfessionskatechismen.
Gottesglaube ist eine Lebenshaltung: Sichtbar als reife Dankbarkeit und Zuwendung
zu allem Lebendigen in Gestalt von Geburt und Tod.

Der jüdische Philosoph und Theologe Friedrich Weinreb frägt in seinem Buch „Die Freuden Hiobs“:

„Könnte nicht sein, dass uns unser Schicksal zur Leidensgeschichte wird, weil wir der darin verborgenen Liebesgeschichte keinen Glauben schenken?“

Gottesglauben ist eine Lebenshaltung, die den Rhythmus des Lebens kennt und akzeptiert.
Eine Glaubens- und Hoffnungsweise, welche die ganze Wirklichkeit von Gott her deutet.
Er lässt regnen über Gute und Böse.
Eine Haltung, die im Leben – heute, da wir noch hier leben - das Zeitliche segnet,
die im Sterben – wenn es dran ist – dann das Zeitliche wieder segnet.

Gottesglaube als sichtbare Dankbarkeit.
Gottesglaube als dankbarer Friede mit den Gegensätzen und ihrem Rhythmus
umfassende Dankbarkeit.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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