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Brüche leben – Wunden heilen

Die japanische Kunst des Kintsugi zeigt, wie Verletzungen zu Gold werden können 
von Dr. Nina Bürklin und Klaus Motoki Tonn

Eine Teeschale fällt zu Boden. Sie zerbricht in mehrere Teile. Ein Scherbenhaufen, wo vorher ein funktionales Gefäß war. Und nun? Einfach wegwerfen? Die Scherben zusammenkehren und vergessen?

In Japan gibt es eine jahrhundertealte Kunst, deren Meister einen anderen Weg gehen: Kintsugi. Bei dieser Reparaturtechnik wird die zerbrochene Keramik mit Urushi-Lack-Verbindungen und Goldveredelungen restauriert. Die japanische Kunst des Wiederzusammensetzens von Zerbrochenem, verkörpert in ihrer wörtlichen Übersetzung "goldenes Zusammensetzen" (kin = Gold + tsugi = Verbindung).

Das Besondere daran: Die Bruchstellen werden vom Kintsugimeister nicht versteckt, sondern am Ende des aufwendigen Prozesses mit echtem Gold veredelt. Aus dem beschädigten Gefäß entsteht somit etwas Neues. Die Geschichte des Zerbrechens bleibt sichtbar – und gerade dadurch gewinnt die Schale an Schönheit und Wert, manchmal sogar an neuer Stärke.

Vielleicht berührt uns dieses Bild deshalb so sehr, weil wir uns selbst darin wiederfinden. Denn kein Leben verläuft ohne Brüche. Eine schwere Krankheit. Der Verlust eines geliebten Menschen. Eine Enttäuschung, die lange nachwirkt. Das Ende einer Freundschaft. Manchmal sind es Brüche im Leben, die unser Leben in ein Davor und Danach teilen. Oft wünschen wir uns, solche Erfahrungen ungeschehen machen zu können.

Doch das Leben kennt keinen Rückwärtsgang. Was geschehen ist, gehört zu unserer Geschichte. Die Narben bleiben. Die Frage ist nicht, ob wir verletzt wurden, sondern wie wir mit unseren Verletzungen umgehen und welche Haltung wir daraus entwickeln. Wozu fordert uns das Erlebte heraus?

Das Bild der japanischen Handwerkskunst Kintsugi lädt dazu ein, einen anderen Blick auf die eigenen Wunden zu wagen. Es sagt nicht: Der Bruch war gut. Es verherrlicht weder Leid noch Verlust. Wer einmal einen schweren Abschied erlebt hat, weiß, dass Schmerz Schmerz bleibt. Und doch zeigt die vergoldete Teeschale etwas Tröstliches: Ein Bruch muss nicht das Ende bedeuten. Aus ihm kann etwas Neues und etwas Wertvolles entstehen – wenn wir uns auf den Prozess einlassen.

Dabei fällt auf, dass Kintsugi keine Kunst der schnellen Lösungen ist. Die Restaurierung braucht Zeit, Geduld und Sorgfalt. Die einzelnen Scherben werden in vielen Schritten behutsam zusammengesetzt. Dabei nutzen die Kintsugimeister Werkzeuge, die sie in ihrer jahrelangen Ausbildung selbst hergestellt haben. Manche Arbeitsschritte verlangen aktives Tun, andere geduldiges Warten, in denen die Keramik einfach nur „ruht“.

Ähnlich erleben wir es oft in unserem eigenen Leben. Heilung folgt weder einem festen Zeitplan noch ist sie für alle gleich. Es gibt Phasen, in denen wir aktiv nach Orientierung suchen, Gespräche führen oder neue Wege ausprobieren. Und es gibt Zeiten, in denen wir nur aushalten können, was ist. Beides gehört zum Prozess. Während die eine Person besonders die Zeit draußen in der Natur als hilfreich empfindet, schöpft jemand aus der Stille der Meditation neue Kraft.

In unseren Kintsugi-Kursen begegnen uns immer wieder Menschen, die ihre persönlichen Bruchlinien mitbringen und reflektieren. Während sie anfangen, Scherbe für Scherbe bildlich zusammensetzen, entstehen oft Gespräche über Wendepunkte des Lebens, über Abschiede und Neuanfänge. Dabei wird deutlich: Die meisten von uns tragen Verletzungen in sich, die andere gar nicht sehen. Und doch gehören sie zu unserer Geschichte. Überraschend oft liegen in den Bruchlinien Eigenschaften oder Erlebnisse, die den Menschen in seiner Einzigartigkeit besonders machen.

Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Form von Menschlichkeit. Nicht in der Unversehrtheit, sondern im Mut, die eigenen Narben anzunehmen. Vielleicht können wir uns inspirieren lassen und gerade diese früheren Brüche eines Tages vergolden, sodass sie uns strahlen lassen. Die amerikanische Forscherin Brené Brown beschreibt Verletzlichkeit als eine Quelle echter Verbundenheit. Menschen kommen einander nicht näher, weil sie perfekt sind, sondern weil sie sich mit ihrer Unvollkommenheit zeigen. Wer den Mut hat, nicht alles zu verbergen, eröffnet einen Raum für Begegnung.

So betrachtet, erzählen die goldenen Linien des Kintsugi von etwas, das viele von uns im Laufe des Lebens lernen: Unsere Würde hängt nicht davon ab, ob wir unversehrt geblieben sind. Sie zeigt sich oft gerade dort, wo wir getragen, gelitten, gehofft und trotz allem weitergelebt haben. Die Narben verschwinden nicht. Aber sie müssen auch nicht versteckt werden. Wenn wir uns dazu entscheiden, können sie zu Sinnfunken aus Gold werden.

Vielleicht sind die kostbarsten Linien unseres Lebens jene, die durch Brüche entstanden sind. Nicht weil der Schmerz schön gewesen wäre, sondern weil wir gelernt haben, ihn in unsere Geschichte aufzunehmen. Dann werden aus Wunden keine Makel, sondern Lebenslinien. Und aus den Brüchen unseres Lebens kann etwas aufscheinen, das dem Gold des Kintsugi ähnelt: eine stille, gewachsene Schönheit.

Die Autoren: Dr. Nina Bürklin und Klaus Motoki Tonn
Dr. Nina Bürklin (Jahrgang 1987) ist Logotherapeutin, promovierte Betriebswirtin, Autorin und Breathwork Teacher. Klaus Motoki Tonn (Jahrgang 1973) ist Jurist, Achtsamkeitstrainer, Autor und Berater von Firmen und Unternehmen der Sozialwirtschaft. Die beiden bietn zu diesem Thema Kurse im Gästehaus der Abtei Münsterschwarzach an.

Information
Der Text ist zuerst in der Oktober-Ausgabe "verletztlich ∙ zärtlich" unseres Klostermagazins "Ruf in die Zeit" erschienen. Das Heft können Sie über nachfolgendem Link lesen bzw. bestellen: "Ruf in die Zeit".