
Sterben in Zärtlichkeit
Hospizbegleiter Br. Laurentius Moll im Interview
Sterben ist die letzte, unvermeidliche Verletzung menschlichen Lebens. Br. Laurentius Moll hat seit über 30 Jahren von Berufs wegen mit schwer kranken Menschen zu tun. Im Rahmen seines Noviziats hat er nun in einem Würzburger Hospiz hospitiert.
Es gib schöneres im Leben als den Tod. Warum wenden Sie sich dem Sterben explizit zu?
Menschen in Bedrängnis, Krankheit und Bedürftigkeit waren schon immer Kern meiner Berufung. Seit meiner Erstkommunion begleitet mich die Bibelstelle der Fußwaschung. Hier stellt Jesus alles, was wir so an Herrlichkeit, Macht, Schönheit, Größe und Stärke kennen, auf den Kopf. Er geht ganz runter und gibt ein radikales Beispiel des Dienens. Zu Petrus, der das alles nicht will, und zu den Jüngern sagt er: „Versucht‘s genauso!“ Das hat mich nicht mehr losgelassen.
Wie geht es Menschen angesichts des bevorstehenden Todes?
Es beginnt oft mit radikaler Ablehnung. Dann folgen Verhandeln, Rauszögern, Zeit gewinnen. Immer wieder höre ich: „Ich bin nichts mehr wert. Ich habe keine Würde mehr. Was soll das Ganze noch?“ Viele fallen regelrecht in einen Abgrund, sie stellen sich die totale Sinnfrage.
Wie reagieren Sie darauf?
Mit sensiblem Hinhören, Zugewandtheit, Offenheit, auch Lachen und vor allem Gespräch. Manche erzählen wie ein Wasserfall, bei anderen dauert es. Oft werde ich Teil dieses Lebens, wir erleben gemeinsam und halten gemeinsam aus. In solchen Momenten wird es dialogisch. Es wird warm, es wird Liebe spürbar. Zärtlichkeit. Die Atmosphäre verändert sich, die Dinge fließen zusammen.
Kann in der Verletzlichkeit eines Menschen auch eine besondere Kraft liegen?
Unbedingt. Wenn Menschen sagen: „Ich habe mein Leben leben dürfen und bin bereit, es zurückzulegen – im Vertrauen, dass es gut wird.“ Wenn Menschen in sich ruhen können, ein Lebenskreis sich schließen darf. Ich erinnere mich an einen 95-Jährigen Patienten, der lange Jahre für ihn sinnstiftend zur Dialyse kam. Als sich sein Körper immer weiter zurückzog, waren wir ehrlich im Dialog, und er konnte versöhnt gehen.
„Nicht dem Leben mehr Tage, sondern dem Tag mehr Leben geben“, das ist das Anliegen von Hospizbegleitung. Wie geht das?
Im Hospiz musste ich immer wieder an den Vers aus dem Johannes-Evangelium denken: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Genau das tun wir als Pflegende: Wir begleiten Menschen in existenzieller Bedrängnis – damit sie das Leben haben. Dazu gehört eben auch, loslassen zu können, vielleicht noch ein bisschen Zeit verschaffen, um Dinge klären zu können oder für eine letzte Begegnung.
Welche Rolle spielen Nähe und Zärtlichkeit?
Trost, Geborgenheit, Zärtlichkeit sind urmenschliche Bedürfnisse. Und die gehen nur durch körperliche Zuwendung. Also Händehalten, den Körper berühren, die Hand aufs Herz legen, über das Gesicht streichen. Oder jemanden in einer Schmerzattacke in den Armen wiegen. Wie ein Kind, das getröstet werden will. So kann ich vermitteln: Da ist noch jemand, du bist nicht alleine. Aber auch: Du darfst mich anfassen, und du darfst auch richtig zudrücken. Im Drücken meiner Hände darfst du etwas von deinem Schmerz abgeben.
Kommt auch die Frage nach Gott?
Immer weniger. Wenn Gott aber mitspielen darf oder es eine Sehnsucht nach Gott gibt, ist der Betroffene viel gelassener, bis hin zu Freude und gespannter Erwartung: „Was kommt denn danach?“
Welche Begegnung hat Sie besonders berührt?
Ich erinnere mich an viele Sternstunden. Kurz vor meinem Klostereintritt war ich bei einer jungen Frau, Mitte 20, keine Prognose mehr. Sie war voller Bitterkeit. Ich spiegelte ihr, wie reich ihr Leben war und wie unglaublich viel sie in genau diesem Moment verschenkt. Je mehr ich sprach, desto aufrechter saß sie da: „Ich kann ja doch noch was“ sagte sie zu ihrer Mutter. Das ist Präsenz, Gottesgegenwart. Näher am leidenden Christus kann man nicht sein. Bei einer sehr selbstbestimmten Patientin mit Lungenkrebs im Endstadium kamen zwischen massiven Luftnotattacken Anklagen und Ängste hoch. Wir haben über Stunden geredet. Auf einmal hob sie den Kopf, Mimik, Körperspannung und Stimmlage veränderten sich und sie sagte: „Eigentlich hast Du Recht. Genau deshalb bin ich hier und es ist gut so.“ Sie war in diesem Moment wie verwandelt. Da wurde etwas frei.
Wie machen Sie nach solchen Erlebnissen die eigene innere Tür zu?
Was Menschen mir auf den letzten Metern geben, ist unfassbar kraftvoll. Manchmal ist das nur ein Lächeln, ein Wort, ein Händedruck. All das gibt mir Kraft zum Weiterzugehen: Mach weiter, es ist gut so! Gleichzeitig gehört zum professionellen Tun auch das Ablegen. Für mich heißt das: Dienstkleidung ausziehen, ab in den Wäschesack, Schuhe aus, Strümpfe aus, duschen und dann belebt aus der Einrichtung gehen.
Erleben Sie hin und wieder auch Ihre eigene Verletzlichkeit?
In meinen fast 30 Berufsjahren habe ich immer wieder festgestellt, dass die meisten Frauen und Männer diesen Beruf bewusst gewählt haben, weil immer auch Anteile der eigenen Verletzlichkeit angeschaut werden wollen. Die eigene Schwäche, erfahrenes Leid, Dinge, die vielleicht Generationen zurückliegen. Nach intensiven Begegnungen brennen die eigenen Wunden oft nicht so mehr so. Ich sehe und höre, wie andere damit umgehen, lerne liebevoll hinzublicken, werde selbst ein Stück heiler.
Das Interview führte Anja Legge
Br. Laurentius Moll
- 1980 in Heidelberg geboren
- 1996-1999 Ausbildung zum Altenpfleger
- 2002 Fachweiterbildung Dialyse, Nephrologie und Transplantation
- 2000-2024 Fachpflegekraft in Dialysezentren in Südhessen, davon 18 Jahre als Leitung; Gutachter beim Medizinischen Dienst
- 2024 Klostereintritt
- Aktuell im 2. Noviziatsjahr, Mitarbeit in der Infirmerie
Information
Der Text ist zuerst in der Oktober-Ausgabe "verletztlich ∙ zärtlich" unseres Klostermagazins "Ruf in die Zeit" erschienen.
Das Heft können Sie über nachfolgendem Link lesen bzw. bestellen: "Ruf in die Zeit".

