Trauer in Stein gemeißelt
Kurs öffnet kreativen Zugang zur Trauerarbeit
Zum ersten Mal hat der Kurs „Trauer-Stein“ in der Abtei Münsterschwarzach stattgefunden. Sechs Menschen befassten sich bewusst und intensiv mit ihrem persönlichen Verlust. Ihnen zur Seite standen Trauerbegleiterin Jana Leipnitz und P. Zacharias Heyes. Der gemeinsame Austausch in der Gruppe und begleitende Einzelgespräche bildeten eine wichtige Grundlage. Doch das Herzstück des Kurses lag in der bildhauerischen Arbeit am Stein. Denn das kreative Schaffen unterstützte das Gehen des Trauerweges auf besondere Weise.
„Die Idee zum Kurs ist aus meiner eigenen Trauerbiografie entstanden“, erläutert Jana Leipnitz. Bereits vor elf Jahren führte sie der Weg ins Kloster nach Münsterschwarzach, um den Verlust eines wichtigen Menschen zu verarbeiten. Damals entdeckte sie die Heilkraft der Arbeit am Stein. „Ich wollte andere Menschen an dieser Erfahrung teilhaben lassen“, erklärt sie weiter. „Daher habe ich mich an P. Zacharias gewandt und gemeinsam haben wir die Idee zu einem konkreten Seminarangebot weiterentwickelt.“ Der Mönch reagierte offen auf die Anfrage, denn durch seine Tätigkeit als Notfallseelsorger war ihm bewusst, wie wichtig die Unterstützung im Trauerprozess ist.
Im Juni konnte der Kurs mit dem Titel „Trauer-Stein“ Premiere feiern. Die Idee: Dem Verlust, der Trauer darüber und sich selbst in der Auseinandersetzung mit dem Stein neu zu begegnen. So wie der Stein durch die Bearbeitung aufbricht, öffnen sich auch die persönlichen Themen. Dazu trug auch der strukturierte Tagesablauf bei. Der Morgen startete mit einem gemeinsamen Schweigespaziergang durch die Natur. Bevor es ans Werk ging, stand die Morgenrunde an. Hier war sowohl Raum für einen kurzen Austausch, als auch für Impulse zum Gestaltungsprozess am Stein. Nach der Mittagspause arbeitete die Gruppe den Nachmittag durch. Allerdings lud ein Gong stündlich zu einer Minute Innehalten ein. Die Abende waren bewusst freigehalten und boten Zeit für sich selbst.
Einen besonderen Höhepunkt stellte der Erzählabend am Feuer dar, der in der Mitte des Kurses stattfand. „Das war ein berührendes Erlebnis. Die Menschen haben sehr offen über ihren Trauerprozess gesprochen. Der Abend war von vielen Emotionen geprägt. Es wurde geweint, aber auch herzhaft gelacht“, brichtet P. Zacharias im Rückblick. „Die Gruppe ist ein wichtiges Element. Alle haben die gleiche Erfahrung gemacht und können sich gegenseitig stützen.“ Zusätzlich gab es während des Kurses individuelle Begleitgespräche. Mit dabei war immer der Stein. Denn an diesem zeigten sich die Themen des Menschen, der ihn gerade bearbeite. Ungeduld, Widerstand, Ziellosigkeit – was in der Trauer erlebt wurde, spiegelte sich im Stein als Analogie zum Leben wider.
Das Kursangebot richtet sich an Personen, die einen Menschen verloren haben und sich im Trauerprozess befinden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Verlust kürzlich geschehen ist oder schon länger zurückliegt. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mitnehmen konnten? „Das Arbeiten am Stein gibt Erdung. Das ist wichtig, denn Trauer bedeutet, dass ein wichtiges Fundament im Leben weggebrochen ist“, betont Jana Leipnitz. „Wir nehmen unser Leben wieder in die Hand und kommen ins Gestalten. Darüber hinaus empfinden die Teilnehmenden den klar strukturierten Tag als etwas sehr Positives, was sie mit nach Hause nehmen können.“
Wichtig ist dem Leitungsteam, die im Kurs gemachten Erfahrungen zu reflektieren, wie P. Zacharias erläutert: „Jeder Trauerweg ist anders. Entsprechend liegt unser Augenmerk darauf, jeden Menschen individuell zu begleiten. Im kreativ-schöpferischen Geschehen ist es essentiell, sich zurückzunehmen, damit sich die Arbeit der Trauernden am Stein frei entwickeln kann.“ Fest steht auf jeden Fall, dass das Angebot im kommenden Jahr wieder stattfindet. Nachgefragt, wie Angehörige und Freunde trauernden Menschen helfen können, sind sich Jana Leipnitz und P. Zacharias Heyes einig. Ihre Antwort: „Da sein genügt.“
Rückmeldungen aus dem Teilnehmerkreis

„Ich merke, dass ich nach einer großen Aufgewühltheit wieder Ruhe finde. Zudem bringt der Kurs durch seinen Tagesrhythmus wieder Struktur in mein Leben. Ich erlebe eine sehr starke Verbundenheit mit dem Ort hier.“
Margarethe

„Ich kann sehr viel in die Arbeit mit dem Stein legen. Wut, Enttäuschung, aber auch Liebe und Zärtlichkeit. Was ich nicht in Worte fassen kann, zeigt sich am Stein. Ich bin sehr dankbar, dass ich meiner Trauer auf dieser Weise ausdrücken kann.“
Martina




