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Wasserkraft im Kloster

Auf geheimen Pfaden schlängelt sich der Mühlbach durch das Abteigelände und sorgt für Energie und Naherholung

Schwarzacher kennen den Bach, der vor der Abteikirche in einem gemauerten Bett vorbei plätschert. Und wer einmal im Gästehaus zu Gast war, wird auch den malerischen Bachweg schätzen, der hinter der Abtei zu Stille und Besinnung einlädt. Doch haben Sie sich schon mal gefragt, wo der Bach zwischen diesen beiden sichtbaren Austrittspunkten vor und hinter dem Klostergelände bleibt?

Das als Mühlbach bekannte Gewässer ist ein künstlich angelegter Kanal, der das Wasser des Castellbachs führt. Der 17 Kilometer lange Bach entspringt als Sambach bei Gräfenneuses; ab Atzhausen führt er den Namen Castellbach. Kurz bevor dieser zwischen Düllstadt und Münsterschwarzach in die Schwarzach mündet, wird sein Wasser ab einem frisch renovierten Wehr einem künstlich angelegten Kanal aus dem 12. Jahrhundert dem Kloster zugeleitet. Das natürliche Bachbett zweigt nach Norden zur Schwarzach ab und liegt weitgehend trocken; bei großen Regenereignissen schützt es die Abtei vor Hochwasser.

Über Jahrhunderte hinweg trieb das Wasser des Mühlbachs die Mühle des Klosters an und versorgte Mensch, Tier und Gärten mit Wasser. Baumbeschattet fließt er den ersten Kilometer entlang des bei Mönchen und Gästen beliebten Schweigewegs; auf dem Abtei-Gelände selbst wird es schwierig, dem Weg des Wassers zu folgen, denn große Teile liegen im Klausurbereich.

Unweit der Gärtnerei unterquert der Mühlbach den Asphaltweg und verschwindet dann hinter einer Bretterwand. Zwischen dichtem Bewuchs aus Bäumen, Sträuchern und hohem Gras läuft er noch ein Stück an der Klosternmauer entlang und mündet schließlich in einen unterirdischen Druckkanal. Sichtbar ist nur ein betongefasster Überlaufkanal mit gepflegten Wehren und Schleusen.

Im Vorüberziehen sorgt der Bach für eine kleine Oase: Er speist einen zunächst schmalen See, der sich dann zum wildromantischen Klosterteich weitet. Früher diente der Teich als Fischteich und wichtiger Wasserspeicher, heute summen unzählige Insekten durch das hohe Gras, Vögel zwitschern, im Wasser tummeln sich verschiedenste Lebewesen. Dazwischen ein Trampelpfad, der an einer steinernen Madonna mit Kind vorbei und über einen Holzsteg auf eine kleine Insel führt. Die Mönche schätzen diesen verborgenen Ort zum Stille-Tanken und Atem-Schöpfen.

Das Wasser des Mühlbachs läuft indes über den unterirdischen Druckkanal auf die Elektrowerkstatt zu. In deren Keller steht seit 1960 eine Ossberger-Turbine, die jährlich rund 60000 kWh elektrischen Stroms produziert. Bei einer Generalüberholung 2001 wurden der Wasserzulauf neu gefasst und eine neue Regelung eingebaut. Obwohl die durchschnittliche Regenmenge in den letzten Jahren gesunken ist, werden seitdem 20 Prozent mehr Energie gewonnen. „Zu Spitzenzeiten liefert das Wasserkraftwerk 20 kW elektrische Leistung“, erläutert Jürgen Egger, der die Maschine wartet. Das entspricht dem Verbrauch von zehn Haartrocknern oder eines Einfamilienhauses, verdeutlicht der Elektriker. Diese Spitzenzeiten werden freilich nur erreicht, wenn es regnet oder besser: Wenn es geregnet hat und das Wasser ein paar Stunden später von den Höhen des Steigerwalds hinunter ins Schwarzacher Becken läuft. Dann wird die mechanische Energie über eine Antriebswelle in den Generator geleitet und in elektrische Energie umgewandelt. Maximal 800 Liter pro Sekunde kann die Turbine durchlassen, Motoren regeln die Durchflussstärke.

Auch wenn das keine enormen Zahlen sind, ist das Wasserkraftwerk ein wichtiger Baustein im regenerativen Energiepark der Abtei mit Biogas, Photovoltaik, Solarthermie, Holz, Wasser und Wind. Denn: „Jede Kilowattstunde, die wir nicht aus dem Stromnetz holen müssen, ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeit“, verdeutlicht Jürgen Egger. Und für die Abtei ist das ein Weg, einen ihrer Grundaufträge – nämlich die Bewahrung der Schöpfung – konkret umzusetzen. „Der heilige Benedikt schreibt uns in seine Ordensregel, alles wie heiliges Altargerät zu betrachten“, verdeutlicht Pater Christoph Gerhard, der vor 25 Jahren das Ökoprojekt der Abtei maßgeblich mitgestaltet hat. „Dazu gehört es auch, nachhaltig zu handeln und ebenso mit den uns verfügbaren Ressourcen umzugehen.“

Nach getaner Arbeit verschwindet der Mühlbach wieder unter Klostergebäuden und Gästegarten, kommt zwischen Buchhandlung und Münsterklause kurz ans Tageslicht, um dann abermals abzutauchen. Die wenigsten Besucherinnen und Besucher, die vor dem Torhaus eine Pause einlegen, ahnen wohl, dass unter ihnen Steigerwaldwasser fließt. Am nördlichen Ende des Platzes kommt der künstliche Bachlauf wieder ans Tageslicht und rauscht der Schwarzach entgegen, um sich über Main und Rhein auf den Weg in die Nordsee zu machen.