Predigten

Als Jesus ihn anblickte, da wurde Zachäus verwandelt

Predigt von P. Maurus Schniertshauer OSB am Sonntag der 31. Woche im Jahreskreis.

Liebe Schwestern und Brüder!
Eine Verwandlungsgeschichte wird uns da heute im Evangelium erzählt: Die Verwandlung des reichen Herrn Zachäus in einen Jünger Jesu. Die Verwandlung eines Menschen, dessen Haustüre und dessen Herz mit einem dicken Vorhängeschloss verschlossen war – als vermögender Zollpächter muss man ja aufpassen, dass man nicht von irgendwelchen Leuten bestohlen und ausgeplündert wird! Dass er selbst die Leute bei der Zoll- und Steuererhebung ausgeplündert habe, wie manche behaupteten, das war in den Augen des Herrn Zachäus nichts als eine unverschämte Lüge. Das war ja nicht illegal, sondern entsprach alles geltendem Recht und geltender Ordnung! Ihn zu bestehlen und auszuplündern, das freilich wäre absolut illegal und ein Verbrechen gewesen! Und dieser Zachäus verwandelt sich in einen Menschen, der kein Vorhängeschloss mehr braucht, sondern aus der Freundschaft mit Jesus lebt und dessen Herz groß und weit und voller Freude geworden ist.

Und die Bekehrung und Verwandlung, die geschieht nicht durch den Zauberspruch „Hokuspokus“, sondern die geschieht, weil da einer ist, der ihn ansieht, der ihn anredet und der einkehrt unter sein Dach!
Eine Verwandlung, weil Jesus ihn anschaut, weil er ihn anspricht, weil er bei ihm einkehrt!

Eine Geschichte, die fast wie ein Märchen klingt – nicht nur, weil sie so schön ist, sondern weil sie uns, wenn wir ehrlich sind, doch eher ein wenig unglaublich vorkommt.
Aber, liebe Brüder und Schwestern, genau diese unglaubliche Geschichte hat sich seither in den unterschiedlichsten Variationen immer wieder neu wiederholt.
Sie hat sich wiederholt im Leben vieler Heiliger, deren Fest wir am Freitag, an Allerheiligen, gefeiert haben. Sie hat sich ereignet im Leben von Menschen, die Sünder waren, größere oder kleinere Sünder – und die in der Begegnung mit Jesus Christus, manchmal von einem Augenblick auf den anderen, manchmal auch erst nach langem Kampf, ihr Leben geändert haben und schließlich zu Heiligen wurden. Lebemenschen; Genießer; Leute, bei denen sich alles nur um das eigene Vergnügen gedreht hat; Menschen, die nur an die eigene Karriere gedacht haben; Reiche, denen das Schicksal der Armen völlig egal war – und irgendwann, mitten in ihrem Leben, haben sie die Stimme gehört, die Zachäus damals in Jericho gehört hat: „Komm herab vom Feigenbaum! Ich will heute noch zu dir kommen“! Irgendwann haben sie in die Augen dessen geschaut, der damals Zachäus angeblickt hat! Es waren nicht die leiblichen Augen Jesu, bei den späteren Heiligen, das ist wahr! Aber es war dennoch sein Blick, der sie bis ins Herz hinein getroffen hat. Und in dieser Stimme und in diesem Blick da war etwas, das ihr ganzes bisheriges Leben verwandelt hat.

Liebe Mitchristen,
ich glaube, man darf die Geschichte des Zachäus nicht missverstehen, als ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten. Man darf das Ganze auch nicht missverstehen, als sei das, was da geschehen ist, etwas ganz Außergewöhnliches und Seltenes! Nein! Auch uns schauen die Augen dessen an, der damals Zachäus angeblickt hat! Auch zu uns spricht die Stimme dessen, der Zachäus angesprochen hat!
Die Frage ist nur, ob wir uns diesem Blick stellen und ob wir unser Herz für diese Stimme öffnen. Was sahen die Augen Jesu, als sie damals in Jericho den Zachäus erblickten?
Sie sahen einen Mann, der es zu etwas gebracht hatte, einen erfolgreichen, vermögenden Geschäftsmann. Und hinter der äußeren Fassade dieses kleinen Mannes mit dem großen Vermögen, hinter der Fassade des allerobersten Zollpächters, den seine heimlichen Neider als den allerletzten Schurken bezeichneten, da sahen die Augen Jesu, wer dieser Zachäus wirklich war!

Aber es geht ja nicht um Zachäus, liebe Brüder und Schwestern, sondern es geht um jeden einzelnen von uns!
Was sehen die Augen Jesu, wenn er auf uns schaut? Beides sehen sie: Was wir äußerlich darstellen und was wir innerlich sind! Unsere Licht- und unsere Schattenseiten sieht er! Das, was groß ist an uns, und das, was erbärmlich ist!
Die Augen Jesu sehen alles! Kein Feigenblatt hilft da. Alles liegt offen, bloß und unverhüllt da! Dieser Blick ist nicht harmlos! Es ist auch nicht der Blick eines Menschen, der beide Augen zudrückt, oder kumpelhaft zwinkert und alles Ok findet. Nein, es ist ein Blick, vor dem man sich im ersten Augenblick vielleicht sogar abwenden möchte, der Blick, mit dem uns Jesus anschaut. „Geh weg von mir, ich bin ein Sünder“ – so hat Petrus zu Jesus gesagt, als ihn dieser Blick getroffen hat, damals beim reichen Fischfang.  Es ist ein Blick, der einen bis ins Herz hinein treffen kann! Ja, es stimmt zwar, es ist ein unendlich liebevoller Blick, aber es ist dennoch ein Blick, der uns auch wehtun kann. Es ist nicht der Blick eines verliebten Schwärmers, den die rosarote Brille blind gemacht hat für die Schwächen und Fehler seines Gegenübers, sondern es ist der Blick eines wahrhaft Liebenden, es ist der Blick der Liebe! Der Blick, der die ganze Wahrheit enthüllt.

Die Liebe schaut uns an – und angesichts dieser Liebe erkennen wir unsere Unvollkommenheit und unseren Mangel an Liebe.
„Geh weg von mir, ich bin ein Sünder“ – ich kann ganz gut verstehen, was Petrus da sagt, als ihn der Blick Jesu getroffen hat.
„Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“! Aber Jesus geht nicht fort und wendet seinen Blick nicht von uns ab! Sondern er spricht zu uns sein Wort und lädt sich selber ein in unser Haus!
Es wäre kein gutes Zeichen, wenn uns dieser Blick Jesu kalt und unberührt ließe! Es ist ein Blick, der wehtun kann! Und dennoch ist es ein heilender und ein verwandelnder Blick, der uns da begegnet. Denn nicht gnadenlos schaut uns Jesus an, sondern voller Liebe und Barmherzigkeit. Beides hat Zachäus erkannt, als ihn die Augen Jesu anblickten: Die schmerzhafte Wahrheit über sein eigenes Leben – und die unendliche Barmherzigkeit Gottes, die gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Wahrheit und Barmherzigkeit! Beides begegnet uns, wenn uns Jesus anschaut! Wenn wir diesem Blick nicht ausweichen, dann kann auch unserem Haus, dann kann auch unserem Leben das Heil geschenkt werden, das dem Zachäus geschenkt wurde.

Liebe Brüder und Schwestern!
Was damals in Jericho geschah, als der Blick Jesu Zachäus bis ins Herz hinein getroffen hat, das war vielleicht sogar ein größeres Wunder, als der Einsturz der Mauern von Jericho Jahrhunderte zuvor. Sie alle kennen die Geschichte: Als Israel auf dem Weg ins gelobte Land war, da hat der Schall der Trompeten die hohen und dicken Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht.
Und in einem übertragenen Sinne ist das auch geschehen, als Jesus den Zachäus angeschaut hat und sein macht- und liebevolles Wort erklang: Da sind die Mauern gefallen, die Zachäus um sich aufgetürmt hatte! Die Mauern, die ihn von Gott und von seinen Mitmenschen abschotteten, die Mauern aus Angst, Sünde, Menschenfeindlichkeit, aus Egoismus, aus Verschlossenheit und Einsamkeit.
Der Blick Jesu, sein Wort voll Wahrheit und voll Barmherzigkeit, hat auch heute noch die Macht, die Mauern zum Einsturz zu bringen, mit denen wir uns abschotten und verbarrikadieren gegen die Herausforderung der wahren Liebe.
Möge er diese Mauern zum Einsturz bringen, damit auch wir die Befreiung uns das Heil erfahren, das Zachäus damals geschenkt wurde. Amen.

“Misericordia et veritas obviaverunt sibi,
Justitia et pax osculatae sunt”
“Es begegnen einander Wahrheit und Barmherzigkeit,
Gerechtigkeit und Friede küssen sich“
Psalm 85 (84)

“Iesu, labantes respice
Et nos videndo corrige;
Si respicis, lapsus cadunt
Fletuque culpa solvitur”

“Herr, wenn wir fallen, sieh uns an
Und heile uns durch deinen Blick.
Dein Blick löscht Fehl und Sünde aus,
in Tränen löst sich unsre Schuld“
Ambrosius, Aeterne rerum conditor (O ewger Schöpfer aller Welt), Hymnus beim Hahnenschrei
(Bei der Sonntagslaudes im Winter).

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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