Predigten

Nicht nur Fassade sein

Predigt von Br. Pascal Herold OSB am Sonntag der 33. Woche im Jahreskreis.

Liebe Schwestern und Brüder!

Aus einer absichtslos und gut gemeinten Bemerkung wird ein ernstes Thema gestrickt, wir könnten die Überschrift darüber setzen: ‚Von der prachtvollen Tempelausstattung über die Katastrophe zum Untergang‘.

"Kein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht niedergerissen wird", so Jesu Antwort auf die unbedarfte Äußerung einiger Juden, als sie die prachtvolle Ausstattung des Tempels bewunderten. Jesus geht noch weiter, er prophezeit das Niederreißen des Tempels: "Es werden Tage kommen, an denen ihr das hier seht." Damit präsentiert er sich als Stein des Anstoßes.

Im Tone eines Scharfmachers nimmt er das Thema der Tempelausstattung zum Anlass auf das Verfallsdatum zu schauen, auf das Vergehen selbst sakraler Herrlichkeit und auf eine bevorstehende Zeitenwende, die mit chaotischen Zuständen einher gehen wird. Unruhen und Kriege, Naturkatastrophen, Krankheiten und Verfolgung sind die Vorzeichen dieser Wende – die Menschen werden es schwer haben und auf den Untergang sich zu bewegen.

Wie weggewischt ist damit der Blick auf den beeindruckenden Tempel. Seine Zukunft scheint bedeutungslos zu werden. Betete doch bisher der gläubige Jude: "Welche Freude, da man mir sagte wir ziehen zum Haus des Herrn. Schon stehen unsre Füße in deinen Toren, Jerusalem" (Ps 122,1.2). Dieses Wort soll in Zukunft keine erfüllende Kraft mehr haben?

Der Blick der einen auf den Tempel, der Blick Jesu über den Tempel hinaus auf die Zeit nach Tod und Auferstehung, auf die Zeit der Verfolgung seiner Jüngerinnen und Jünger und auf das geschichtsträchtige Jahr 70 n. Chr, in dem der Tempel von Jerusalem durch römische Einheiten niedergerissen und zerstört wird.

Unterschiedlicher können die Blickrichtungen nicht sein. Die eine geht auf das Äußere, auf Oberfläche, Beschaffenheit und Fassade, auf die vordergründige Seite. Die andere geht darüber hinaus auf das Tief- und Hintergründige, auf das Inwendige, das meist unsichtbar hinter der Oberfläche sich verbirgt. Beide Blickrichtungen sind gut und wichtig.

Als umsichtiger Mensch brauche ich einen unverstellten Blick auf das Ganze; wenn ich näher hinschaue kann ich differenzieren, ob das Ganze dem entspricht was ich an der Oberfläche wahrnehme, ob es eine Entsprechung von außen und innen gibt. Eine Fassade kann schön gestaltet sein; das bedeutet aber nicht, dass auch die Außenseite mit der Innenseite korrespondiert.

Jeder Mensch kennt sich selber gut genug wenn es um die eigene Fassade und um den Spielraum dahinter geht. Ob etwa. mein Verhalten innen und außen entspricht, ob es aufrichtig und echt gemeint ist, ob ich einen gewissen Spielraum austeste und vorsichtig taktiere oder ob der Mensch eine ganz andere Haltung drinnen vertritt im Gegensatz zu dem was ich sage und tue.

Jesu Blick ist zeitlos. Wenn er auf Menschen schaut schlägt sein Blick schon den Bogen von der Gegenwart bis zum Punkt seiner Vollendung. Er bleibt nicht bei dem ersten oberflächlichen Eindruck hängen sondern durchdringt Materie, Raum und Zeit, Person, Leib, Seele und Geist, seine Organe: Herz und Nieren, so wie es der gläubige Jude versteht und Herz und Nieren für das Inwendige des Menschen stehen. Es gibt genügend Lebensthemen, die Herz und Nieren beanspruchen. Häufig sind das Lebensaufgaben, die mit unserem Leben und dem des Nächsten, unseres Mitmenschen zu tun haben. Wenn sie uns strapazieren, spüren wir die zunehmende Härte innen, die auch nach außen ihre Wirkung zeigt.

Darum will es auch Jesus gehen, sich auf den Weg zu machen, wo immer wir als Getaufte leben, auf den Weg nach innen, der die Pflege von Herz und Nieren im Blickfeld hat und in gleicher Weise auf den Weg nach draußen zu unseren Brüdern und Schwestern.

Gleich unter welch Bedingungen Menschen leben, ob in Freiheit und optimaler Versorgung oder in Unfreiheit oder in schwierigen, katastrophalen Verhältnissen, sieht Jesus für alle Entwicklungen voraus, wie sie die Menschen immer schon getroffen haben: Kriege, Unruhen, Naturkatastrophen, Krankheiten, Epidemien, Hungersnöte und gewaltige Umbrüche, dazu die Verfolgung der Christen bis zum heutigen Tag. Angesichts dieser schrecklichen Dinge weltweit zeichnet sich in vielen Regionen der Erde Weltuntergangsstimmung ab, die Millionen von Menschen real betrifft, ohne zu wissen ob es ein Ende dieser schrecklichen Dinge je geben wird.

Kirche hat heute seine verbindende Gemeinschaft verloren, die Fassade von außen und innen ist zu unterschiedlich. Menschen suchen einen überzeugenden Ort um sich öffnen zu können, wo lebendige Steine den Bau aufbauen und nicht niederreisen. Es braucht die Stätten des Gebets und der Erneuerung, ihre Vergänglichkeit ist aber vorhersehbar. Für uns Menschen braucht es ebenso den inneren Tempel, in dem der menschgewordene Gott in uns wohnt und Friede mir und meinem Leben und dem der Brüder und Schwestern garantiert.

"Wegen meiner Brüder und meiner Freunde will ich sagen: Friede sei mit dir! Wegen des Hauses des Herrn will ich Glück erbitten für dich" (Ps 122,8.9). Mit diesen Versen des zu Beginn schon erwähnten Wallfahrtspsalms schließt sich der Kreis warum der gläubige Jude sich auf den Weg zum Tempel mit den Worten gemacht hat: "Welche Freude, da man mir sagte wir ziehen zum Hause des Herrn".

Wegen des Hauses des Herrn will ich Glück erbitten für meine Brüder und Schwestern. Vielleicht meint Jesus damit das Wort, liebe Schwestern und Brüder, dass uns kein Haar gekrümmt wird, wenn es uns nicht vordergründig um die Außenfassade sondern das Inwendige von uns allen geht. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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