Predigten

Der Geist der Wahrheit

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

bei Vieraugengesprächen denken wir zumeist an zwei Personen, die über bestimmte Themen in einem diskret vertrauten Rahmen miteinander sprechen. Es geht dabei nicht nur um den Austausch von Informationen, sondern auch um die persönliche Beziehung wie vertraut sie miteinander reden können. Nicht alle Themen und Gesprächsstoffe sind auch für alle Ohren bestimmt.

Wenn Jesus spricht, hören sehr häufig viele Ohren zu. Ob bei den Reden vor großen Menschenansammlungen, bei den Streitgesprächen mit den Pharisäern und Schriftgelehrten oder im Vieraugengespräch versucht er die Aufmerksamkeit seiner Hörer zu wecken indem er auch die mithörenden Ohren des Herzens anspricht. Die Frau am Jakobsbrunnen z.B. ist betroffen vom Vieraugengespräch mit Jesus als er sie am Brunnen trifft während die Jünger ins Dorf gegangen waren. Er erreicht das Ohr ihres Herzens recht schnell obwohl sie ihm skeptisch gegenüber steht und anfangs ihm nicht so recht traut. Er spricht sie auf ihr Leben an und benennt Dinge, die der Wahrheit entsprechen. Das erschreckt und berührt sie gleichermaßen.

Über den Geist der Wahrheit spricht Jesus im heutigen Evangelium. Er registriert, dass die Ohren seiner Jünger nicht alles aufnehmen können, was er ihnen noch mit auf den Weg geben wollte bevor er zum Vater geht. „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“, so seine Anmerkung. Deshalb braucht es einen Geistträger, der an seiner Stelle die Botschaft zu ihnen und dem ganzen Jüngerkreis bringt, der sie in der ganzen Wahrheit führen und leiten wird. Das wird mit der Sendung des Geistes nach der Himmelfahrt Jesu wahr durch den Hl. Geist, der in gleicher Weise Geist des Vaters und Geist des Sohnes ist, wie wir ihn im Großen Glaubensbekenntnis bekennen: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater angebetet und verherrlicht wird“.

Der Geist der Wahrheit ist eins und somit wesensgleich, identisch mit schöpferischen Geist des Vaters und dem Geist des menschgewordenen Sohnes Jesus. Dafür bürgt der Geist der Wahrheit und spricht in der gleichen Sprache, die der Vater und der Sohn sprechen. „Er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört und euch verkünden, was kommen wird“, verdeutlicht Jesus im Evangelium.

Vater, Sohn und Geist stehen in direktem Austausch, nichts bleibt ihnen fremd oder voreinander verborgen, sondern bilden eine innige Einheit, ein einig Wesen, das sie also eint und doch in unterschiedlichen Personen eigenständig sein lässt. Wir nennen dieses einig Wesen die Hl. Dreifaltigkeit in den drei Personen von Vater, Sohn und Hl. Geist.
In dem Ausschmelzen des Vaters, wie Meister Ekkehard es nennt, ist der Geist des Vaters als einig Wesen ausgeschmolzen in seinem Sohn und ebenso als schöpferische Kraft und ständiger Beweger im Lebenshauch des Hl. Geistes.

Somit können wir im menschgewordenen Gottessohn Jesus nur die eine Wahrheit haben, die Jesus selber ist, wie er selber von sich sagt:“ Ich bin die Wahrheit und das Leben“. Und diese Wahrheit ist an den Vater rückgebunden. Jesus gibt uns die Wahrheit nicht in die Hand, sodass wir ganz eigenständig sie für uns beanspruchen. Er nimmt uns aber bei der Hand indem er sagt: Der Heilige Geist wird euch in meinem Namen in der ganzen Wahrheit leiten. Er sagt ebenso an anderer Stelle des Johannesevangeliums zu Nikodemus: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weisst aber nicht, woher er kommt und wohin er geht“. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist“ (cf. Joh 3,8).
So kann Jesus alle Menschen bei der Hand nehmen und in die ganze Wahrheit führen, so wie er es will und so wie die Menschen es vermögen ihn zu ergreifen.

Wahrheit ist kein theoretischer, philosophischer oder ideologischer Begriff. Wahrheit ist ein tatsächlicher, realer Tatbestand. Sie kann sehr konkret werden und ungewollt Spuren hinterlassen mit enormen Auswirkungen auf das Leben und die Lebensgeschichte, wie es die Frau am Jakobsbrunnen, die Jünger oder der Frauenkreis um Jesus bei seinem Tod und Auferstehung erfuhren oder wie wir es auch schon erfahren haben wenn der Geist der Wahrheit in unserem Leben unausweichlich gesprochen hat.

Auch Paulus traf im Spiegel der Wahrheit ein unvorhersehbares Ereignis, das einen abrupten Bruch seiner Gesinnung zur Folge hatte. Die Begegnung mit Christus reist ihm die Blindheit von den Augen, mit der er glaubte ein Eiferer Gottes zu sein. Ganz langsam wird er zum Anwalt für die Wahrheit des Glaubens, der ihn von den Zwängen des Gesetzes befreit und sein Inneres verwandelt. Paulus wird einen beschwerlichen Weg als Völkerapostel gehen, jedoch meistert er die schwierigen äußeren Umstände durch den Beistand des Hl. Geistes, durch sein einig Wesen und seine Innerlichkeit in manchem vertrauten Vieraugengespräch.
Der äußere Paulus lebt in Unruhe, der innere Paulus lebt aus dem realen Empfinden einer inneren Wahrheit, die er im Herzen als Liebe fest macht. In der Lesung hörten wir ihn sprechen: „Denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Hl. Geist, der uns gegeben ist“. Der Weg von der Bedrängnis zur Liebe führt über die Geduld, Bewährung und anspornender Hoffnung, dass es immer noch einen Weg gibt.

Der Weg Jesu war von der Einheit und unverbrüchlichen Solidarität zu seinem Vater bestimmt. Indem er in ihm zuhause ist und in ihm wohnt und so ganz eins ist in der Liebe zu ihm, konnte er aus freiem Entschluss sein Leben hingeben, weil es das Wesen der Liebe ist zu geben und sich zu verschenken. Das ist das Wesen der hl. Dreifaltigkeit. „Wo es Liebe gibt, gibt es eine Dreifaltigkeit“, sagt der hl. Augustinus, „einen Liebenden, einen Geliebten und eine Quelle der Liebe“.
Was will das für uns und die Quelle unserer Liebe bedeuten? Die Quelle unserer Liebe, der Liebende und der Geliebte?
Ja - Der Geist will auch in uns als einig Wesen und Quelle der Liebe den Weg der Wahrheit weisen, obwohl wir nicht wissen woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist – Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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