Predigten

Der Herr ist gnädig und barmherzig

Predigt von P. Andreas Schugt OSB am 4. Fastensonntag in der Abteikirche Münsterschwarzach.

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses so bekannte Gleichnis erzählt Jesus, weil er erneut versucht, sein Reden und Handeln seinen Kritikern, den Pharisäern und Schriftgelehrten, nahe zu bringen. Die Zöllner und Sünder hören ihm gerne zu, sie, die von der Gesellschaft Ausgestoßenen und Verachteten. Bei ihm können sie aufatmen und neue Hoffnung schöpfen.

Wenn sie Jesus hören, wenn sie miterleben wie er Menschen heilt, wird etwas in ihnen lebendig, was im Psalm so besungen wird: „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade“ (Ps 145,8). Aber das zu enge Gottesbild der Pharisäer kennt nur die Abgrenzung gegenüber dem, der nicht der Norm entspricht, der ihre Vorschriften und Satzungen übertritt, Regeln von denen Jesus sagt, dass sie menschengemacht seien.

Jesus weiß sich hingegen eins mit einem Gott, der sich wie ein barmherziger Vater um seine Kinder sorgt, selbst wenn sie auf Abwege geraten sind, und der sich unbändig über die Umkehr seiner Kinder freut.

Mit knappen Worten lässt Jesus vor unserem inneren Auge ein überreiches Gemälde in bunten Farben über einen Mann erscheinen, der zwei Söhne hat. So ein Gleichnis hält für jeden Zuhörer/jede Zuhörerin die Einladung bereit, sich selbst in die skizierte Geschichte hineinzuversetzen. Wo erkenne ich im Handeln der Personen etwas, was grundsätzlich auch für mich selbst zutrifft oder zumindest zutreffen könnte?

Der jüngere Sohn verlangt vom Vater seinen Erbanteil, was in der damaligen Kultur mehr als ungewöhnlich war. Es wird nicht erwähnt, warum der Sohn das tut. Der Vater teilt daraufhin das Erbe unter seinen Söhnen auf und der jüngere Sohn verlässt alsbald sein Vaterhaus, sein Zuhause, um ein scheinbar freies, ungezwungenes Leben zu führen.

Aber das, was er vielleicht im tiefsten suchte, findet er nicht nur nicht, sondern er findet sich bald in einem wahrhaftigen Desaster wieder und muss sich eingestehen, dass er komplett gescheitert ist. Und das, wie er selbst erkennt, aus eigener Schuld.

Worin liegt eigentlich seine Schuld? Er formuliert ja ein Schuldbekenntnis, das er seinem Vater vortragen wird: „Vater, ich mich habe gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner...“ (Lk 15,19).

Gut, er ist mit seinem Lebensentwurf total gescheitert. Aber ist es nicht das Recht der Jugend, sich auszuprobieren? Ein Elternhaus kann ja auch entsetzlich eng sein, keinen Raum für die eigene Entfaltung geben. Leben spielt sich immer zwischen zwei Brennpunkten ab und nicht immer gelingt ein Ausgleich.

Da ist zum einen die Zugehörigkeit zu einer Familie, einer verlässlichen Partnerschaft, oder auch das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. Wenn alles gut geht, erfahren wir dort Nähe und Geborgenheit. Und zum anderen ist da unser Streben nach Selbständigkeit und einer Freiheit, in der ich mich selbst verwirklichen und erfahren kann. Muss ich nicht meinen eigenen inneren Impulsen folgen, um herauszufinden, was das Leben für mich bereithält?

Der Frage, worin der jüngere Sohn selbst sein Versagen, seine Sünde sieht, kommen wir vielleicht annäherungsweise ein wenig näher, wenn wir in die benediktinische Tradition schauen.

Es ist bekannt, dass die Mönche durch ihr Gelübde „stabilitas“, Beständigkeit geloben. Damit ist gemeint, dass ihr Lebensmittelpunkt das Kloster selbst ist. Dort, in einem mehr oder weniger engen Raum mit einer mehr oder weniger durchsichtigen Ordnung und mit mehr oder weniger netten Mitbrüdern, soll sich der Mönch bewähren. Er soll sich allem stellen, was ihm auf den ersten Blick, und manchmal auch auf den zweiten Blick, nicht gefällt und ihm gegen den Strich geht.

Im Durchleben gerade auch der Widrigkeiten des Alltags soll er sich selbst erkennen, seine eigenen Stärken und Schwächen. Eine gute klösterliche Ordnung will nicht verhindern, dass der Einzelne seine persönliche Berufung findet. Ganz im Gegenteil. Sie ermöglicht ein inneres Reifen, indem sie den Mönch durchlässiger für das Wirken Gottes in seinem Alltag macht.

Dazu braucht es aber eine gewisse Beständigkeit, die es in einem jeden Leben braucht, nicht nur bei Mönchen und Nonnen. Schon wegen dieser sie fördernder Ordnung lieben die Mönche ihr Kloster. Wer hingegen rein impulsgesteuert jeder lockenden Möglichkeit in der Lebensgestaltung folgt, geht unweigerlich in die Irre.

Darum soll, wie es in den monastischen Regeln heißt, das Umherschweifen unter allen Umständen unterbleiben. Die legendarische Lebensbeschreibung des hl. Benedikt erzählt nun folgende Begebenheit:

Ein unzufrieden gewordener Mönch will sein Kloster unbedingt verlassen und lässt sich von nichts und niemanden mehr aufhalten, auch selbst nicht von Abt Benedikt. Kaum aber hat er das Kloster verlassen sieht er auf dem Weg einen Drachen mit weit aufgesperrtem Maul auf sich zukommen. Und dieser Drache hat durchaus die Absicht, das Mönchlein zu verschlingen. Da schreit er laut um Hilfe. Die herbeigeeilten Brüder können aber keinen Drachen sehen und führen den Mitbruder zurück ins Kloster. (vgl. Gregor d. Gr., II. Buch der Dialoge, Kap. 25)

Wie ist das zu verstehen? Unser Text sagt dann wörtlich: „Denn durch das Gebet des heiligen Mannes (also dem hl. Benedikt) hatte er den Drachen gesehen, der auf ihn losstürzte; vorher war er ihm gefolgt, ohne ihn zu sehen.“

Der Drache steht also für die Versuchung, einen Lebensweg einzuschlagen, der so total seiner eigentlichen Berufung widerspricht, dass es einer Vernichtung gleichkommt. So gesehen ist es ein großer Irrtum zu glauben, Drachen seien ausgestorben. Sie stehen schon nicht einmal auf der Roten Liste!

Darum sagt der barmherzige Vater in unserem Gleichnis auch: „Mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“. Und dann richtet er vor lauter Freude über den heimgekehrten Sohn ein riesiges Fest aus. Die Sünde des jüngeren Sohnes könnte also vor allem darin bestanden haben, dass er seinen Vater aus mangelnder Liebe und Wertschätzung verlassen hat, mithin ein Verstoß gegen das Vierte Gebot. Und erst die Erfahrung am Schweinetrog bringt ihn zur Umkehr.

Die Dramatik des Gleichnisses besteht aber auch darin, dass der ältere Sohn sich nicht über die Heimkehr seines Bruders freuen kann. Er glaubt, in seinem Ärger über den jüngeren Bruder im Recht zu sein. Er ist ja schließlich auf dem Hof geblieben und hat hart gearbeitet. Er lehnt seinen Bruder rundweg ab und verurteilt ihn auf Schärfste, er will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er kann ihn schon nicht einmal mehr „mein Bruder“ nennen, sondern grenzt sich ab und sagt zu seinem Vater: „Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn ...“.

Auch der ältere Bruder muss offensichtlich noch seine Lektion lernen, denn es wird offenbar, dass auch er in einer inneren Distanz zu seinem Vater lebt und aus reiner Pflichterfüllung, nicht aber aus Liebe bei seinem Vater geblieben ist. Auch er ist nicht eins mit seinem Vater. Dieser jedoch kündigt auch ihm nicht die Liebe auf und sagt zu ihm: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles was mein ist, auch dein“ (Lk 15,31).Wie sich der ältere Bruder nun entscheidet, wird im Gleichnis nicht erzählt.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten werden verstanden haben, dass sie von Jesus mit dieser Erzählung aufgefordert sind, sich selbst für oder gegen den Weg der Barmherzigkeit zu entscheiden. Um eine gute Entscheidung treffen, ist zuvor aber eine ungeschminkte Selbsterkenntnis von Nöten. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, um die Barmherzigkeit Gottes zu erkennen und sie Tag für Tag selbst zu erfahren. Das Evangelium lädt auch uns ein, diesen Weg einzuschlagen, damit wir am Freudenfest des Vaters teilnehmen können.

Bestärken wir einander auf dieser Wegsuche! Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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