Predigten

Womit habe ich das verdient?

Predigt von P. Dominikus Trautner OSB am 3. Fastensonntag in der Abteikirche Münsterschwarzach

Liebe Brüder und Schwestern!

Drei Themen werden heute im Evangelium angesprochen:

1: Die Schuldfrage

2. Die Umkehr

3. Die Geduld

Womit habe ich das verdient? Warum straft mich Gott? Solche und ähnliche Fragen stellen wir uns in der Erfahrung von Leid im eigenen leben und im Leben der anderen. Es gibt Leid, das wir selbst verschulden und Leid das unverschuldet über uns hereinbricht. So sagt mir ein 60 jähriger Mann, der kurz nach seiner Krebsdiagnose gestorben ist: „Ich bin selbst schuld, ich hatte schon lange Schmerzen, wäre ich doch früher zum Arzt gegangen, dann hätte man noch operieren können“. Eine junge Frau, selbst leidenschaftliche Krankenschwester und sehr religiös, wird zum zweiten Mal von Krebs heimgesucht. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden gerade die Frommen, die Guten, die Barmherzigen besonders von Leid heimgesucht und erprobt.

Denken wir nur aktuell an die 50 Muslime, in Neuseeland, die während des Gottesdienstes einem Terroranschlag zu Opfer fielen. Auch in unserem heutigen Evangelium ist die Rede Von Mord an Unschuldigen. Und immer wieder stellt sich unerbittlich die Frage, warum lässt Gott das zu, wo ist die Gerechtigkeit Gottes? Verzweifelt fragen wir nach einem Grund, nach einem Sinn, suchen eine Antwort und erhalten keine.

Im  Alten Testament galt noch die Anschauung, dass sich Tun und Ergehen eines Menschen entsprechen. Handelst du gut, dann wird es auch dir gut ergehen. Bist du nicht gerecht, wird auch dir Unrecht widerfahren. Aber die Rechnung geht nicht immer auf. Ja, sogar das Gegenteil kann der Fall sein. Den Gottlosen und Frevlern geht es gut und den Redlichen schlecht. Kann das die Gerechtigkeit Gottes sein? 

Der wichtigste Versuch zur Bewältigung dieser Problematik findet sich im Buch Hiob, in dem die Anklagen gegen Gott in bis dahin nicht gehörter Schärfe formuliert werden. Schon der Name Hiob selbst bedeutet: „Wo ist der Vater, wo ist Gott?“ und verweist auf die existentielle Tiefe dieser Frage.

Dem Gerechten wir alles genommen. Zu einer Lösung kommt es auch hier nicht. Dennoch unterwirft Hiob sich Gott und bekennt, ohnmächtig und unwissend zu sein. Auch wir dürfen wie Hiob Gott anklagen, rufen und schreien wie es Jesus selbst am Kreuz getan hat: “Mein Gott warum hast du mich verlassen“, aber wir können auch beten und bitten wie Jesus in der Ölbergnacht: „Vater, lass diesen Kelch an mir vorüberziehen, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe“.

Auch im heutigen Evangelium gibt Jesus keine konkrete Antwort auf die Schuldfrage der Leute. Aber bei Paulus erhalten wir eine Antwort, indem er Gott selbst in der Gestalt des Gekreuzigten am Kreuz sieht. Er sagt: „Dies ist für die Weisheit der Welt eine Torheit, für diejenigen aber, die gerettet werden Gottes Kraft.“

In erschütternder Weise beschreibt der jüdische Schriftsteller und Holocaust überlebende Elie Wiesel wie er als 15 jähriger Junge in Auschwitz mit ansehen musste wie ein anderer Bub gehängt wurde, weil er Brot gestohlen hatte. Auf die Frage eines Mitgefangenen „Wo ist Gott“ denkt Elie Wiesel: „Er stirbt dort am Galgen“.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, seit Gott selbst in Jesus am Kreuz gestorben ist und zwar für uns Menschen aus unendlicher und unbegreiflicher Liebe, gibt es eine Hoffnung und eine Antwort auf alles Leid der Menschen, nämlich die Auferstehung Christi. Gott selbst leidet mit uns, seit seinem Kreuzestod ist ihm kein Leid mehr fremd. Durch Auferstehung Jesu gibt es eine Hoffnung und eine Gewissheit auf ein ewiges Leben und einen gerechten Ausgleich für schuldlos Leidende. Es kann nicht sein, dass der Bub umsonst gehängt wurde und die übrigen 6 Millionen Juden ermordet wurden. Es muss für die Täter eine Strafe geben und für die Opfer eine Gerechtigkeit und einen ewigen Lohn im Himmel.

Seit der Auferstehung Jesu glauben wir an dieses ewige Leben und wenn Jesus nicht auferweckt worden ist, wäre unser Glaube sinnlos, sagt Paulus. Die Gerichtsszenen der romanischen und gotischen Portale, in Stein gehauene Verkündigung, aber auch die dramatischen Bilddarstellungen eines Hieronymus Bosch oder das gewaltige Gemälde „Das Jüngste Gericht“ eines Paul Rubens (München, Staatspinakothek) wollen uns ständig darin erinnern, dass es nach dem irdischen Leben auch ein zweites Leben, gibt.

Diese Bilder zeigen uns aber auch, wohin unser Weg führt, wenn wir uns von Gott abwenden, uns gegen ihn entscheiden, oder aber auch auf der anderen Seite den glorreichen Aufstieg in den Himmel. Und wollen wir nicht alle dorthin?

Im Credo bekennen wir: „Er wird wiederkommen in Herrlichkeit zu richten die Lebenden und die Toten“. Wir alle müssen durch dieses Gericht und ich hoffe für mich persönlich mit dem Fegfeuer davonzukommen, oder theologisch korrekter ausgedrückt, durch den Läuterungsprozess schließlich doch im Himmel dabei sein zu dürfen. Ob es für die Mörder und Schwerverbrecher und für alle, die sich radikal gegen Gott entscheiden, noch eine letzte Frist und Gnade gibt, wie für den Feigenbaum, überlassen wir Gott selbst.

Die Hoffnung und der Glaube an den Auferstandenen, der unsere lieben Verstorbenen in seine ewige Herrlichkeit aufnimmt und sie dort in ewiger Liebe und Freude leben lässt, ist mir persönlich in meinen Leid- und Verlusterfahrungen ein großer Trost und eine felsenfeste Zuversicht. Nur aus dieser Perspektive kann das Leid auf dieser Erde einen Sinn haben, wenn wir ihn auch oft nicht verstehen und begreifen können.

Jesus fordert uns zur Umkehr auf. Das griechische Wort im Urtext „metanoite“ bedeutet „umdenken“. Wenn ich mich mit dem Auto verfahren habe, und selbst der Navigator kann einen in die Irre führen, muss ich umkehren und mich neu orientieren. Das kostet manchmal viel Zeit und manche Nerven.

Wenn wir unseren Lebensstil, der vielleicht auch unserer Gesundheit schadet, ändern wollen, müssen wir nachdenken und prüfen, was uns gut tut und uns zu größer und tieferer Erfüllung und Zufriedenheit führt. Mit Umkehr meint Jesus, dass wir uns neu zu ihm wenden, dass wir neu ihm unser Herz schenken, aber auch dass wir neu uns den Menschen zu wenden, die uns brauchen und die Liebe zu Gott in der Nächstenliebe aufstrahlen lassen. Eine solche Umkehr geht nicht ohne Schmerzen, ohne Überwindung, ohne beständiges Ringen und sich bemühen. Da gibt es Fortschritte und Erfolge, aber auch leider immer wieder Rückfälle und Enttäuschungen.

Deshalb braucht es eine unendliche Geduld. Von dieser Geduld spricht Jesus im Gleichnis vom Feigenbaum. Der Feigenbaum ist ein Bild für unser Leben. Wir sind gemeint. Der Gärtner, gibt die Hoffnung nicht auf. Er setzt alles daran, den Feigenbaum zu retten, gibt ihm nochmal eine Chance, damit er schließlich doch Früchte bringt. Diese Geduld, manchmal Eselsgeduld kennen wir in allen unseren Lebensbereichen. Um nur einige zu nennen:

Die Erziehung unserer Kinder, das tägliche Miteinander in der Familie oder klösterlichen Gemeinschaft, die Geduld bei der Arbeit, wenn sie nicht gleich auf Anhieb gelingen will, die Geduld in der Krankheit, das Warten auf die ersehnte Heilung und Genesung, das Warten auf ein Wort der Versöhnung und der liebevollen Zuwendung.

Das Gleichnis sagt: Gott gibt uns nochmal eine Chance, nochmal eine Frist und so sollen auch wir uns gegenseitig nicht abschreiben, sondern eine Chance der Wiedergutmachung und Versöhnung schenken. Wie der Vater mit Sehnsucht auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes wartet, so wartet Gott mit unendlicher Geduld und Liebe auf uns, denn sein Name heißt „Barmherzigkeit“.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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