Predigten

Die Nähe Gottes erfahren

Predigt von P. Anselm Grün OSB am 17. Sonntag im Jahreskreis zu Lk 11, 1-13

Kein Evangelist erzählt uns soviel vom Beten Jesu wie Lukas. Für Lukas ist Jesus der Beter, der in jeder Situation betet. Bei der Taufe betet Jesus und während des Gebetes öffnet sich der Himmel. Bei der Verklärung betet er und wird verwandelt. Vor wichtigen Entscheidungen zieht er sich auf den Berg zurück und betet die ganze Nacht. Und er betet am Ölberg. Am Kreuz betet er für seine Mörder und betend überlässt er sich sterbend den väterlichen und mütterlichen Armen Gottes. Und für Lukas ist für uns Christen das Gebet der Weg, immer tiefer in die Haltung Jesu hineinzuwachsen und Jesus ähnlich zu werden.

So können wir gut verstehen, dass die Jünger Jesus nicht nur darum bitten, was sie beten sollen, sondern noch vielmehr, wie sie beten sollen, mit welcher Haltung sie beten sollen. Für dieses Wie erzählt Jesus zwei Gleichnisse. Das erste Gleichnis bezieht sich auf die Freundschaft. Für Griechen war die Freundschaft ein heiliges Gut. Und für Griechen und Juden war die Gastfreundschaft etwas Heiliges. Das Gleichnis bezieht sich auf ein typisches Dorf in Israel, in dem es keine Geschäfte gibt, weil jeder die Nahrungsmittel selbst herstellt. Doch als ein Besuch unangemeldet ankommt und der Gastgeber nichts hat, was er ihm anbieten kann, ist es ihm so peinlich, dass er seinen Freund in der Nacht noch weckt. Er weiß, wie sehr er den Freund damit belästigt. Denn die ganze Familie schläft in einem Raum. Also wachen alle auf, seine Frau und seine Kinder. Aber dennoch wird der Freund ihm das Brot geben. Wir sollen zu Gott also wie zu einem Freund beten.

Wir sollen vertrauen, dass Gott als Freund uns das gibt, was wir brauchen. Teresa von Avila hat die Worte Jesu verstanden. Sie versteht das Beten auch als ein Sprechen mit einem Freund. Für Lukas ist Freundschaft ganz wichtig. 18 mal benutzt er das Wort Freund, während es bei Matthäus und Markus nur je einmal steht. Die Erfahrung, die wir mit einem guten Freund machen, sollen wir auf Gott übertragen.

Das klingt schön. Aber machen wir wirklich diese Erfahrung, dass Gott für uns weiterhilft, wenn wir wie der Gastgeber in großer Not sind, wenn wir selber nicht mehr weiter wissen? Es kommt nicht darauf an, ob Gott uns alles gibt, worum wir bitten, sondern es kommt auf unsere Sichtweise an. Wir sollen auf Gott schauen nicht wie auf einen fernen, unbegreiflichen Gott, sondern auf den Gott, der unser Freund ist, der uns nahe kommt. Wie wir einen Menschen erleben, das hängt immer davon ab, mit welchem Bild wir ihm begegnen. So ist es auch mit Gott. Wie wir Gott begegnen, hängt von dem Bild ab, das wir von ihm haben. Wenn wir das Bild des fernen unbegreiflichen Gottes haben, dann fällt uns die Begegnung schwer. Wenn wir uns das Bild Gottes als eines Freundes vorstellen, dann erleben wir uns selber anders.

Augustinus sagt das schöne Wort: „Sine amico nihil amicum = Ohne Freund kommt einem nichts freundlich vor in dieser Welt“. Wenn wir Gott mit dem Bild des Freundes nahen, ist das keine Garantie, dass wir Gott als Freund erleben. Aber wir sind offen für das Freundschaftliche. Und vielleicht werden wir uns dann selber Freund. Augustinus sagt noch etwas anderes vom Freund: „Amicus tibi esto et concordas cum ipso = Sei dein eigener Freund, dann bist du auch mit dem Wort Gottes ein Herz, dann verstehst du auch Gott.“ Das Bild des Freundes öffnet uns für Gottes Freundschaft, so dass wir unser eigener Freund werden können. Und umgekehrt: wenn wir unser eigener Freund sind, werden wir auch fähig, Gott als Freund zu erfahren. Einem Freund können wir alles erzählen. Da darf alles sein. Wir müssen keine gute Figur machen. Wir können auch unsere Schwächen zeigen. Aber der Freund erfüllt nicht alle unsere Wünsche. Er zeigt uns auch, wo unsere Wünsche in die falsche Richtung gehen. So verwandelt uns die Begegnung mit einem Freund. Und auch das Gebet zu Gott als unserem Freund vermag uns zu verwandeln. Wir werden freundschaftlich mit uns und mit den Menschen umgehen.

Das zweite Gleichnis, mit dem Jesus auf das Wie des Gebetes eingeht, ist das vom Vater. Gott ist wie ein Vater, der für seine Kinder sorgt. Jesus verdeutlicht es an zwei extremen negativen Beispielen. Kein Vater wird seinem Kind statt einem Fisch eine Schlange und statt einem Ei ein Skorpion geben. Ein französischer Exeget meint, den Lesern würde sich das Herz im Leib umdrehen bei diesen beiden Beispielen. Umso mehr will Jesus mit diesen drastischen Beispielen sagen, dass Gott weiß, was wir brauchen. So wie ein Vater seine Kinder gut behandelt, so wird auch Gott uns gut behandeln. Aber auch hier können wir fragen: Stimmt das wirklich? Erleben wir Gott wirklich als Vater, der für uns sorgt, der weiß, was wir brauchen? Oder erleben wir ihn als abwesend, wenn wir darum bitten, dass das Kind sich gut entwickelt, dass die kranke Mutter nicht stirbt, dass der Krebs geheilt wird? Auch hier kommt es auf das Bild an, mit dem wir uns Gott nahen. Wir sollen mit dem Bild des Vaters, der uns den Rücken stärkt, oder mit dem Bild der Mutter, die uns Geborgenheit schenkt, vor Gott treten. Dann dürfen wir manchmal Gott als Vater oder Mutter erleben, dann wird uns das Gebet Bild verwandeln, auch wenn wir nicht bekommen, worum wir bitten.

In jedem von uns steckt die Sehnsucht nach einem Vater, der uns ermutigt, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, und nach einer Mutter, die uns Heimat schenkt. Doch in der Realität erfahren wir Vater und Mutter oft nicht so, wie es dem Bild in unserer Seele entspricht. Da verhält sich der Vater oder die Mutter eben wie der im Gleichnis. Er gibt die dem Kind statt des Fisches eine Schlange und statt des Eies einen Skorpion. Dann beschreiben diese beiden Beispiele die Vaterwunden und Mutterwunden, die manche Kinder mitbekommen. Augustinus deutet den Fisch als Bild des Glaubens und das Ei als Bild der Hoffnung. Manche Eltern glauben nicht an ihre Kinder, sondern vergiften sie mit ihrer eigenen pessimistischen Sichtweise, mit ihrer Unzufriedenheit und ihrem Groll. Und statt ihnen Hoffnung zu vermitteln verletzen sie sie, entwerten sie sie und rauben ihnen alle Hoffnung, dass ihr Leben gut ist und gelingen wird. Dann sagt uns Jesus mit dem Gleichnis: Im Gebet können wir Gott als dem, der unserem inneren Bild vom Vater und von der Mutter entspricht, unsere Vaterwunden und Mutterwunden hinhalten und dürfen Heilung dieser Wunden erfahren. Das Gebet ist dann nicht nur Begegnung mit Gott als unserem Vater und unserer Mutter. Es ist auch heilsam. Es heilt unsere Wunden.

Wie Gott die Wunden heilt, das zeigt uns Jesus in dem Geschenk, das uns der Vater im Himmel schenkt: es ist der Heilige Geist. Der Heilige Geist ist immer auch ein heilender Geist, der unsere Wunden heilt. Aber er ist auch der Geist, der uns eine neue Sichtweise für unser Leben schenkt. Es ist der Geist, der in uns eindringt, so dass Gott uns ganz nahe ist, näher, als wir uns selber sind, wie Augustinus sagt. Und diese heilende und liebende Nähe Gottes zu erfahren, das ist das größte Geschenk, das wir im Gebet erfahren dürfen. Der Heilige Geist wird nicht alle unsere Wünsche erfüllen, die wir im Gebet vor Gott bringen. Aber er wird uns mehr geben: die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht, der Sehnsucht nach Gottes liebender Nähe, der Sehnsucht, Gott in uns selbst zu spüren.

Wenn Gott in uns ist, dann relativieren sich unsere Wünsche. Dann ist es uns nicht mehr so wichtig, ob Gott unsere Wünsche erfüllt. Dann erleben wir uns als Menschen, in denen Gott selbst als Freund, als Vater, als Mutter wohnt und uns in Berührung bringt mit dem Freundschaftlichen, dem Väterlichen und Mütterlichen, das auf dem Grund unserer Seele wohnt. Dann werden wir fähig, uns selbst Freund und Vater und Mutter zu werden und auch für die Menschen, denen wir begegnen. Dann verwandelt die Begegnung mit Gott im Gebet auch unsere Begegnung mit den Menschen. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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