Predigten

„Du willst uns die Füße waschen, niemals!“

Predigt von Abt Michael Reepen OSB am Gründonnerstag, 24. März 2016, in der Abteikirche von Münsterschwarzach

„Du willst uns die Füße waschen, niemals sollst Du mir die Füße waschen“, das ist unmöglich, das geht nicht.

Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder,
liebe Gäste,

das war die Antwort auf meine Frage, ob ich unseren Gästen, den Jesiden aus dem Irak und den Muslimen aus Syrien, heute Abend die Füße waschen dürfte. „Das geht nicht“, haben sie mir gesagt.
Bis noch vor kurzem hat die Kirche bei Frauen gesagt „das geht nicht“ und manche, selbst der Papst, hat es einfach gemacht und es ging.

Bei unseren Gästen, dachte ich, geht es vielleicht aus religiösen Gründen nicht? 
„Du bist hier der Abt, der Boss“, sagten sie, „aus Respekt vor Dir können wir das nicht tun. Wir sind so dankbar, dass wir hier sein dürfen. Du, Deine Brüder und überhaupt was die Deutschen für uns getan haben und für uns tun, da können wir nicht zulassen, dass Du uns die Füße wäschst“. „Wir müssten Dir die Füße waschen…“

Wir kamen dann ins Gespräch miteinander.
Die Jesiden sind eine kurdische, religiöse Minderheit im Irak. Im Laufe ihrer Geschichte haben sie immer wieder Genozide erlebt.
Heute sind wieder Hunderttausende von ihnen auf der Flucht vor dem IS, der sie brutal verfolgt, versklavt und ermordet. Das gleiche erfahren auch die christliche Minderheiten und die gemäßigten Moslems.

Unsere Gäste haben schlimme Erfahrungen gemacht.
Sie gehören momentan zu den Schwächsten unserer Gesellschaft und ich sagte, ich würde ihnen gerne dieses Zeichen der Aufmerksamkeit, der Annahme und der Liebe geben und sie so in Liebe würdigen. Würde - die ihnen genommen wurde.

In unserem Gespräch sprach ich davon, dass auch Jesus verfolgt und brutal getötet wurde. Er wusste das, und deshalb war es ihm ein Anliegen mit seinen Freunden ein Mahl zu halten und er plötzlich bei diesem Mahl aufgestanden ist, sich eine Schürze umgebunden hatte und dann begann seinen Freunden die Füße zu waschen.

Und die Jünger reagierten genauso wie ihr.
Petrus gebrauchte sogar fast die gleichen Worte wie Saad aus dem Irak: „Du Herr willst mir die Füße waschen? … Niemals sollst Du mir die Füße waschen!“

In unserem Gespräch wurde sehr deutlich, dass sie traditionell sehr hierarchisch von oben nach unten denken und dass die Rollen genau verteilt sind und es fast unmöglich ist das zu durchbrechen.

In der Gesellschaft zur Zeit Jesu war es wohl auch so. Jesus brachte durch sein Verhalten alles durcheinander, er hat die Rollen auf den Kopf gestellt, unten und oben getauscht und das immer wieder. Er verkehrte mit Zöllnern und Sündern, spricht mit ausländischen Frauen, sagt die Ersten werden die Letzten sein, spricht von Gott als seinem Vater, …

Einmal war er im Haus eines Pharisäers zum Essen eingeladen. Da kam eine stadtbekannte Sünderin mit wohlriechendem Öl herein, sie weinte und ihre Tränen fielen auf seine Füße. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Jesus lässt die Nähe und Zärtlichkeit dieser Frau zu. Unerhört in den Augen der Pharisäer und der ordentlichen Leute, die nach Recht und Gesetz leben! „Er müsste doch wissen, dass sie eine Sünderin ist“.

Und beim letzten Abendmahl, das ist heute, tritt Jesus an die Stelle dieser Frau. Er beugt sich zu den Füßen seiner Jünger, berührt sie zärtlich und wäscht sie,er tut Sklavendienst, er stellt alles auf den Kopf! Und doch bleibt er der Herr und Meister, es bricht ihm keine Zacke aus der Krone, im Gegenteil im Dienen wird er erhöht, ist er der wahre Herr und Meister.

Bei den Mitbrüdern und den Frauen, die ich für die Fußwaschung gefragt habe, war es kein so großes Problem, eher eine Ehre, etwas Scheu so vor allen Leuten, warum ich?

Im Gespräch mit unseren Gästen kamen wir dann auch auf die Menschen, die uns Schlimmes, ganz Schlimmes angetan haben, vor denen wir Angst haben, die wir fürchten …. und dass wir oft in der Gefahr sind zu verallgemeinern:
DIE Flüchtlinge, die Deutschen, die Moslems, die Christen, die Jesiden …

Die Fußwaschung ist eine Einzelfallprüfung, sie meint den einzelnen Menschen, berührt den einzelnen, schaut ihn an, es entsteht ein persönlicher Kontakt von Du zu Du sogar mit Berührung und dies ist ein Weg den Teufelskreis des Misstrauens, der Angst und des Hasses zu durchbrechen.
Wenn man den Menschen plötzlich erkennt jenseits von Religion, Rasse und Volk. Darum geht es Jesus! Uns Christen trägt er auf ihn im Nächsten zu erkennen, ihm zu dienen, ihn aufzunehmen, ihm zu helfen.

Ich brauche den Mut mich vor dem anderen zu beugen, ihn zu ehren und in seiner Würde zu achten, und dann kann er es zulassen … ...von Du zu Du.

DIE Flüchtlinge lösen Angst aus, aber nicht der Hajar, der Taher, der Dildar, der Farid oder der Basem.

Fußwaschung wäre ein Weg zum Frieden in der Welt, machen wir heute einen kleinen Anfang, wenn wir Christen, Moslems, Jesiden, Mönche, Singles, eine Mutter und Oma, Frauen und Männern die Füße waschen.

Unsere Gäste sagten zum Schluss, sie sind bereit sich von mir die Füße waschen zu lassen, aber nur wenn sie auch mir die Füße waschen dürfen. Und wie kann ich da nein sagen? Wie können wir uns da verweigern wenn sie uns dieses Zeichen geben wollen?

Abt Michael Reepen OSB

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