Predigten

Gott möchte uns in allen Lebenssituationen, immer wieder, neues Leben schenken!

Predigt zu Mk 5, 21-43 – Predigt von P. Jesaja Langenbacher OSB am 1. Juli 2018 in der Abteikirche Münsterschwarzach.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

 und doch: kennen wir nicht alle die beiden Extreme, die im Evangelium heute beschrieben werden. Da hören wir im Evangelium von der sogenannten Blutflüssigen Frau – eine Beschreibung für uns, dass unser Leben wie zerfließt, so dahin rinnt, unsere Energien davon fließen. Wir können unsere Lebensenergien nicht halten. Und alle Anstrengungen – bei vielen Ärzten gewesen zu sein – haben nichts geholfen – das ganze Vermögen hat die Frau ausgegeben …

Im Bild der Tochter des Jairus wird die gegenteilige Erfahrung beschrieben – wo ist mein Leben ins Stocken geraten, was ist in mir (fast) abgestorben oder vegetiert nur so vor sich hin? Wo ist die Lebendigkeit und Freude geblieben, die wir z.B. auch bei der WM in der Nationalmannschaft vermisst haben?

In beiden Erzählungen geht es um das Ganze, um das Leben. Es geht darum, das eigene Leben wieder in die rechte Balance zu bringen. In beiden Geschichten spielt die Zahl 12 eine Rolle. Die Zahl 12 steht für die Vollendung – wir kennen die Zahl u.a. von den 12 Stämmen Israels, die 12 Jünger Jesu oder die 12 vollen Körbe nach der Brotvermehrung. Das Irdische, die Zahl 4, verbindet sich mit dem Himmlischen, die Zahl 3 (12 als 3x4 oder 4x3). Wenn sich Erde und Himmel verbinden, wenn wir zu Gott zurückkehren und wenn Gott uns in unserer Not zu Hilfe eilt, dann kommen wir aus der Gott-Verbundenheit wieder ins Leben zurück, dann geschieht Heilung wie bei den beiden Frauen.

Die Blutflüssige Frau hat nach ihren 12 Jahren Leiden, in denen sie wahrscheinlich oft am Verzweifeln war, immer noch Hoffnung – und einen ganz starken Glauben, wenn sie sich sagt: „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt!“ Jesus lobt dann gerade ihren Glauben: „Meine Tochter, Dein Glaube hat Dir geholfen!“

Die Frohe Botschaft ist hier auch für uns: egal, wie viel Energie wir schon in eine Sache investiert haben, halten wir an unserem Glauben fest – oder entwickeln wir ihn – wenn wir unser Leben wieder mit Gott, unserem Vater, in Berührung bringen, dann geschieht Heilung!

Dies gilt auch für die zweite Geschichte: die Tochter des Jairus ist 12 Jahre alt. Das Alter von 12 Jahren steht im Judentum für den Übergang vom Kind zum Erwachsenen - zur Frau bzw. zum Mann. In unserem vorliegenden Fall ist der Übergang nicht wirklich gelungen. Ein Übergang besteht zunächst im Loslassen – und Sterben lassen des Alten, des Kindseins – aber im übertragenen Sinn, um nicht wirklich zu sterben. Es ist ein Loslassen des Alten und gleichzeitig ein Neu-werden in der nächsten Lebensphase als Frau. Dieser Prozess des Sterbens und Auferstehens will konkret von Menschen begleitet sein – und vollzieht sich am besten in der Beziehung mit Gott, dem Lebendigen selbst. Wir dürfen und sollen Glauben und Hoffnung haben – nach dem „Tod“ des Alten, kommt das Neue Leben. Die Auferweckung der Tochter des Jairus ist wie eine Vorwegnahme des Todes und der Auferstehung Jesu selbst – und wie eine Vorwegnahme und Hoffnung für alle unseren Übergänge im Leben: wir sind vertrauensvoll eingeladen, das Alte immer wieder hinter uns zu lassen und – in der Berührung mit Gott zum neuen Menschen zu werden.

Die Frohe Botschaft an uns lautet auch hier: lassen wir uns mit dem Mädchen von Jesus rufen: Steh auf! Wir sind aufgerufen, uns von den Dingen zu trennen, die uns am Leben hindern. Wir sind aufgerufen, das Alte hinter uns zu lassen: alte Wunden, Verletzungen, alte Traurigkeit und Wut. Wir sind aufgerufen, uns von Gott wieder in den „Fluss des Lebens“ führen zu lassen – dass das Blut des Lebens und der Liebe wieder in unsern Adern pulsiert!

Jetzt könnten wir uns aber fragen: Wie soll das bitte schön geschehen?

Da erhalten wir am Ende des Evangeliums einen Hinweis: Jesus sagt nach der Auferstehung des Mädchens, „man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.“

Das Brot der Auferstehung ist die Liebe. Jesus ruft uns auf, dass wir das Brot der Liebe unter uns verteilen. Liebe, Anerkennung, Wertschätzung – den anderen in seiner Not sehen, ihm Beachtung und Liebe schenken, das ist die eigentliche Nahrung des Lebens.

Wir dürfen mit der blutflüssigen Frau lernen, nicht unsere ganze Lebensenergie davon fließen zu lassen, sondern wie Maria, die Gnade und Liebe Gottes im Herzen zu bewahren. Und mit der Tochter des Jairus dürfen wir lernen, unsere tiefere Identität nicht an den Kindheitserfahrungen festzumachen, sondern in der Beziehung und Berührung mit Gott. Von Jesus beziehungsweise Gott an der Hand berührt zu werden, ist wie am Herzen berührt zu werden. Letztendlich geht es darum, dass unsere Herzen mit dem Herzen Gottes in Berührung kommen und mit IHM in Berührung bleiben – dann Leben wir als Kindes Gottes und Kinder des Lichtes, wie wir es im Tagesgebet schon hörten. Dann kann Gott unsere Heilung bewirken, wie es im Gabengebet zur Sprache kommt. Und schließlich spricht das Schlussgebet die Zusammenfassung: wenn wir immer mit Gott verbunden sind und bleiben, dann schenkt er uns in allen Lebenssituationen neues Leben.

Und dieses Leben aus der liebenden Gottverbundenheit heraus wird reiche Frucht bringen – wie es in der Lesung beschrieben wird – an Glauben, Rede, Erkenntnis, an Eifer und vor allem an der Liebe. Dann wird es uns auch leicht fallen, uns am „Liebeswerk Gottes“ in der Welt zu beteiligen: indem wir anderen helfen, die in Not sind – mit einem guten Wort, einer liebevollen Hand, einem Lächeln oder anders konkret – mit einer Spende.

Aus einem Dialog der Wertschätzung, der Anerkennung und aus einem Dialog der Herzen in der Welt werden wir – genährt vom Herzen Gottes selbst – mit Seiner Hilfe Lösungen für die augenblicklichen Herausforderungen finden! Dann helfen wir z.B. unseren afrikanischen Geschwistern, die „ausfließenden Energien“ besser zu sammeln – und sie helfen uns, dass unsere erstarrten Herzen wieder mehr Lebendigkeit und Freiheit atmen. Möge uns Gott helfen, dass wir aus unserem jeweiligen Überfluss, den anderen in ihrem Mangel helfen. Möge so aus einem Überfluss der Liebe Gottes auch konkret der Ausgleich in allen Belangen des Lebens gelingen. Möge Gott uns aus seiner Überfülle an Weisheit und Liebe helfen, uns selbst, unsere Beziehungen und die ganze Schöpfung und Welt wieder in die rechte Balance zu führen. Amen. 

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

Kontakt

Abtei Münsterschwarzach
Schweinfurter Str. 40
97359 Münsterschwarzach
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Andere Sprachen