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Predigten

Predigt für den 19. Juli 2026

Blick auf die Ähren in einem Weizenfeld

Predigt zum 19.7.2026, Text: Mt 13, 24–43

Liebe Schwestern, liebe Brüder im Herrn,

die lange Fassung des heutigen Evangeliums, also die, die wir gerade gehört haben, enthält eine eigene Auslegung, was mit dem ersten Gleichnis gemeint ist.

Der Weizen sind die Guten.
Das Unkraut sind die Bösen.
Am Ende der Zeiten wird sortiert.

Soweit alles klar.
Warum also noch eine Predigt?

Weil es harsche Worte vom Aussortieren sind, Worte vom Feuerofen, vom Heulen und Zähneknirschen. Es ist ein Gleichnis und eine Auslegung gleich dazu, die deutlich die Frage stellen: Können wir das als Christinnen, als Christen wirklich so glauben? Können wir es sogar verkünden, als gute Nachricht, als Evangelium? Ich möchte heute auf die Suche gehen, was davon ich weitersagen kann. Und Sie mögen selbst entscheiden, was davon Sie weitersagen wollen.

Ein erster Punkt: Ja, ich glaube, es gibt Konsequenzen vor Gott. Es ist nicht egal, wie wir handeln. Unser Tun geht nicht einfach unter im große Gewoge des Weltgeschehens. Vor Gottes Auge steht alles, was wir tun. Und so stehen wir Menschen vor der Aufgabe, unter dem Blickwinkel der Ewigkeit unser Handeln zu verantworten.

Ein Auge schaut auf uns herab — das mag wie eine Drohung klingen, wenn ich es auf meinen Alltag beziehe und dabei stehen bleibe. Wenn ich mich jedoch davon etwas löse und den Blick auch auf das aktuelle Weltgeschehen richte, stellt sich die Frage anders, wer da gemeint sein könnte. Denn wie leicht fällt es manchen Bösen, ihr schlimmes Tun zu kaschieren, zu überpinseln, wegzupropagandieren — denen möchte man mit göttlichen Konsequenzen drohen. Da möchte man zornig werden. – Oder mutlos vor der ernüchternden Einsicht, dass sie damit immer wieder durchkommen.

Wie sollte ich diese Welt, so wie sie ist, aushalten ohne die Vorstellung des gerechten Gerichtes? Vielleicht warte ich auf einen zürnenden, einen rächenden Gott - der einsteht für Recht und Gesetz, mehr noch: für Gerechtigkeit. In der sozialkritischen Tradition der Propheten war immer ein Bild von Gott stark, der die Kleinen hochhebt; der den Mächtigen verbietet, sie zum Bösen zu verführen.

Vor dieser Tradition erhält das Wort einen nochmals anderen Klang. Wenn das Drohwort eigentlich den Großen und Mächtigen gilt, liegt im Gleichnis von der Ernte am Ende eine Art „doppeltes Aber“. Gott setzt sich durch, ist gerecht, ist allmächtig – aber – warum sehen wir von dieser Gerechtigkeit so wenig?

Das Gleichnis antwortet: Ja, Gott wird am Ende für Gerechtigkeit sorgen - aber zunächst einmal lässt er Unkraut und Weizen nebeneinander wachsen. Dieses Bild nimmt unsere Wirklichkeit wahr, wie sie ist - gerade in den Punkten, die uns mit Fragen der Gerechtigkeit hadern lassen. Das Gleichnis wird zu einem Bild für jene Zumutung Gottes: Wir können und sollen das gute Leben führen, auch wenn um uns herum so manches geschieht, das nicht zum Guten zählt.

Das Bild von Weizen und Unkraut schaut auf das Ende – auf Ernte, Sortierung, Gottesgericht. Aber es folgen noch zwei andere Gleichnisse, die auf den Anfang schauen, auf das Wachsen. Das ist bemerkenswert: Das Bild von Weizen und Unkraut ist nicht das einzige im heutigen Evangelium. Es ist nur das einzig erklärungsbedürftige.

Dazu gesellt sich das Bild vom kleinen Senfkorn, das zum großen Strauch wird. Im Innenhof des Vier-Türme-Verlags haben wir das letztes Jahr ausprobiert - da hat eine Handvoll Senfkörner, beiläufig unter die Saatmischung gestreut, unseren Innenhof in ein gelbes Senfmeer verwandelt. Was für ein erstaunliches Wachstum dieser klitzekleinen Senfkörnchen. Was ich da gelernt habe, ist eine Ahnung davon, welche Spannkraft in diesem kleinen Senfkörnchen liegt — geladen mit großer Lebensenergie, die unter den richtigen Bedingungen zur großen Pflanze heranreift, stärker und schneller als alle anderen. Aber erstmal ist da nur dieses kleine Senfkorn.
Eigentümlich steht dieses Bild neben dem Wort vom Weizen und vom Unkraut; vom Aussortieren. Das Bild vom Senfkorn erzählt vom unscheinbaren, kleinen Gottesreich, das sich durchsetzt – schon jetzt und hier. Jedenfalls unsere Erfahrung im Vier-Türme-Verlag war, dass so ein Senfkorn im Stande ist, jedes Unkraut zu verdrängen!

Und dann ist da das Wort vom Sauerteig. Sauerteig und Mehl sind nicht mehr getrennte Einheiten wie Weizen und Unkraut oder wie der Senfstrauch gegenüber den anderen Pflanzen. Sauerteig und Mehl werden vermengt und verhalten sich zueinander: Der Sauerteig greift auf das Mehl über, das ihn umgibt. Er durchsäuert den ganzen Brotteig, verleiht ihm Lockerheit und Geschmack. Auch das ist ein Bild vom Gottesreich, vom Gelingen des Lebens aller vor dem Angesicht Gottes. Es ist die Botschaft, dass das Gute übergreifen kann auf alles, was es umgibt.

Darin liegt eine eigene Logik: Statt verzweifelt zu versuchen, das Übel zurückzuhalten, lieber stetig und getrost das Gute wachsen lassen! Wer über das Gottesreich nachdenkt, soll sich nicht auf Schutz- und Trutzwehr, auf Verteidigung und Gegenangriff spezialisieren. Das Bild vom Sauerteig ist eine Erzählung vom Guten, das weitergeht. Unser täglich gutes Wort, das das Betriebsklima mitbestimmt. Ein bisschen Zeit für die alte Frau, die sich über eine kleine Unterhaltung freut.

Der Sauerteig kann ein Bild sein von Aufrichtigkeit und Mitmenschlichkeit, die um sich greifen, die vielleicht auch anstecken. Wie Licht, das die Nacht erleuchtet, aber materieller - dauerhafter. Und einmal selbst durchsäuert kann der neue Teig neues Mehl durchsäuern. So wird sich das Gottesreich weiter ausbreiten.

So viele Bilder nebeneinander.

Ich weiß nicht, was von alledem Sie weitersagen wollen. Und in welchen Situationen in Ihrem Leben das Evangelium zu sprechen beginnt. Ist es der heilige Zorn wider die allzu selbstgefällig Mächtigen? Oder eher das unscheinbare gute Wort, die beiläufige Geste – vielleicht ist das Ihr Senfkorn. Oder was macht Ihr Leben schmackhaft und locker wie ein gelungener Sauerteig? Wie kann es gehen, dass etwas davon auch auf andere übergeht?

Auf jeden Fall möchte ich Sie ermutigen, Gottes Zusage zu vertrauen: Am Ende wird das sich durchsetzen, was Gott für uns will. Das Gottesreich braucht keine Schlagzeilen – es erwächst auch aus dem kleinsten Senfkorn, breitet sich aus wie Sauerteig, und was am Ende bleibt, das mag Gott sortieren.

Amen.