Predigt für den 6. September 2026 : Den Nächsten lieben wie sich selbst

23. So Jhkr – A
Röm 13,8-10; Mt 18,15-20
„Bleibt niemandem etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer.“ Mit diesen Worten legt der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom ans Herz, nach dem grundlegenden Gebot des Evangeliums zueinander zu stehen: den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Denn wie wir miteinander umgehen, ist der Testfall unseres Christseins, ob wir einander gutgesinnt begegnen oder unsere innere Haltung gegeneinander richten.
Liebe ist keine Empfindung, die nur bestimmten Menschen gilt. Liebe ist eine tägliche Herausforderung. So wie ich anderen mit Achtung und Respekt begegne, wünsche auch ich mir, selbst angenommen und respektiert zu werden. Für Paulus erfüllt die Liebe das Gesetz. Und darin liegt ein wesentlicher Auftrag der Kirche: Menschen zusammenzuführen und einander als Geschwister mit gleicher Würde und Ansehen zu begegnen.
Nicht immer gelingt ein gutes Miteinander. Wo unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, kann es zu Konflikten kommen. Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger fasst diese Problematik des Miteinanders in dem Gedicht „Über die Schwierigkeiten der Umerziehung“ ins Wort, wenn er schreibt: „Einfach vortrefflich, all diese großen Pläne: das goldene Zeitalter, das Reich Gottes auf Erden, die Erneuerung der Kirche. Wenn nur die Leute nicht wären. Immer und überall stören die Leute. Alles bringen sie durcheinander.“ Es scheitert also nicht an guten Konzepten und Ideen, sondern an unserer Schwierigkeit, mit der Verschiedenheit des einzelnen Menschen umzugehen.
Madeleine Delbrêl war eine katholische Sozialarbeiterin und schreibt zum Gemeinschaftsleben in Bezug auf ihre eigene Lebensgemeinschaft mit gleichgesinnten Frauen: „Schon allein die schlichte Gemeinschaft unter einem Dach und an einem Tisch kann eine wahre Goldgrube der Liebe sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass uns hier nichts erleichternd zu Hilfe kommt: für die einen bedeutet Ordnung halten die härteste Sklaverei, bei anderen führt schon die Unordnung der Wäsche dazu, dass sie nicht mehr klar denken kann. Für manche gibt es nur eine Art, Geschirr zu spülen, für andere ist es ein Sakrileg, wenn ein Teller zerbricht.“ Was Madeleine Delbrêl als ‚Goldgrube der Liebe‘ bezeichnet, erfahren wir überall dort, wo Menschen miteinander leben: unter einem Dach in der Familie, in einer Gemeinschaft, in der Nachbarschaft und in unseren Gemeinden. Unterschiedliche Gewohnheiten und Ansprüche führen sehr leicht zu Konflikten und bestätigen unser Denken: Wenn nur die Leute nicht wären.
Jesus weiß sehr wohl darum, dass gemeinschaftliches Leben nicht selbstverständlich gelingt. Wo Menschen zusammenleben, zusammen glauben und miteinander unterwegs sind, gibt es unterschiedliche Vorstellungen. Auch die christliche Gemeinde ist davon nicht ausgenommen. Im Evangelium hörten wir seinen Appell: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Was will an dieser Stelle Sünde bedeuten? Nicht die Unordnung oder der zerbrochene Teller, nicht jede Eigenart des anderen, von der Madeleine Delbrêl spricht, kann schon Sünde sein. Wo Menschen einander verletzen und Beziehungen daran zerbrechen, setzt die Herausforderung an. Was sind dabei meine Anteile, wenn ich mich ärgern lasse? Wie ist es bei Verletzungen, die mich treffen?
Es fordert uns heraus, sich auf ein klärendes Gespräch einzulassen. Denn es birgt das Risiko nicht verstanden zu werden und die Beziehung dadurch noch stärker zu belasten. Nach Jesu Weisung sollen wir mit Unterstützung von Zeugen und der Gemeinde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um den Bruder zu gewinnen. Bleibt es bei einer Verweigerung, soll er wie ein Heide oder Zöllner behandelt werden – also wie jemand, der nicht mehr zur Gemeinschaft gehört.
Wenn wir davon ausgehen, dass der Evangelist Matthäus selbst der ehemalige Zöllner ist, dann erzählt er hier von einer tiefgehenden eigenen Erfahrung, die vor dem heutigen Evangelium erzählt wird. Er berichtet, dass Jesus den Zöllner Matthäus von seiner Dienststelle wegrief und aufforderte: „Folge mir nach!“ Matthäus stand sofort auf und lud ihn in sein Haus ein. Jesus wurde dafür kritisiert, dass er im Haus des Matthäus mit Zöllnern und Sündern an einem Tisch saß. Doch er entgegnete: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Der Zöllner ist für Jesus also keineswegs ein hoffnungsloser Fall und weist uns darauf hin: Ein Mensch kann sich von der Gemeinschaft entfernt haben, aber er ist deshalb nicht außerhalb von Jesu Blick.
Vor einiger Zeit suchte eine Frau ein seelsorgliches Gespräch. Sie sprach über die heftigen Schicksalsschläge, durch die ihr Leben aus der Bahn geworfen worden war. Als gläubige, spirituell suchende Frau versuchte sie jedoch das Gute darin zu sehen, musste jedoch feststellen, dass sie sich zunehmend isoliert fühlte und Menschen sich von ihr zurückzogen, darunter auch ihr Bruder, mit dem sie sich immer gut verstanden hatte und ihre Tochter; sie kündigte ihr per SMS die Beziehung auf. Verzweifelt fragte sie sich, warum niemand mehr etwas mit ihr zu tun haben wollte. Sie suchte nach Gründen und fragte sich, woran es liegen könnte. Sie wäre so dankbar, wenn doch jemand sagen würde, was sie falsch gemacht hat und sie sich dafür entschuldigen könnte. Warum sagt es mir niemand? Bin ich eine böswillige Frau, eine Sünderin, so ihre Selbstanklage und macht die Kehrseite des heutigen Evangeliums sichtbar. Denn Schweigen kann ebenfalls Beziehungen unter Druck setzen. Was passiert mit einem Menschen, der sich ausgeschlossen fühlt?
Jesus setzt mit dem stufenweisen Bemühen um den Bruder einen Gegenakzent dazu, wie Gemeinschaftsleben zur Belastung werden kann: Konflikte möglichst benennen, sie nicht schwelen zu lassen und den Menschen schon vorzeitig innerlich abzuschreiben, weil es unangenehm werden kann.
Kann es zu einem schuldhaften Verhalten führen, wenn wir es unterlassen die echten Schwierigkeiten anzusprechen, die zwischen uns Menschen stehen? Vor allem wenn wir häufiger einander in verschiedenen Konstellationen begegnen! Wenn es allein nicht geht, dann zu zweit oder zu dritt. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt? „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“, so Jesus. Konflikte und das Anderssein sollen nicht das letzte Wort haben. Ob wir das als Goldgrube der Liebe so verstehen können? Wo wir den Mut finden, aufeinander zuzugehen, ist Christus mitten unter uns. Vielleicht ist genau das die Goldgrube der Liebe: dass sie gerade dort sichtbar wird, wo es nicht einfach ist, wo es schwierig wird und wo wir aneinandergeraten. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.
Amen.


