Predigten

Sprachschule der besonderen Art

Predigt von Pater Andreas Schugt OSB am Pfingstsonntag, 15. Mai, in der Abteikirche Münsterschwarzach

Liebe Schwestern und Brüder!

Pfingsten, das ist das Fest der Gabe des Heiligen Geistes.

Und diese Gabe, dieses Geschenk wird uns 50 Tage nach der Auferstehung des Herrn, gleichsam als die Vollendung von Ostern, zuteil. Mit der Auferstehung Jesu ist das Leben neu erstanden, der Tod besiegt. Der Heilige Geist beschenkt die Jünger und Jüngerinnen Jesu, beschenkt die junge Kirche mit dieser Gewissheit. Diese 50 Tage waren offenbar nötig um nach der Kreuzigung Jesu, aus seiner verschreckten Jüngerschaft eine durchaus selbstbewusste und dynamische, zur Aussendung  bereite Zeugenschar zu bilden.

Wenn wir die biblischen Berichte über die Auferstehung Jesu, die Begegnungen mit den Seinen, seiner Himmelfahrt und der Geistsendung lesen, können wir uns nicht wirklich vorstellen, was diese, uns heute so bekannten Ereignisse, für die Menschen damals bedeuteten. Welch totale Umwälzung alles bisher Bekannten einerseits und welch unzweifelhafte Wahrheit andererseits schlug der jungen Gemeinde da entgegen!

Ist es da ein Wunder, wenn vom Heiligen Geist in überaus kraftvollen Bildern berichtet wird? Da kommt „plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt“, „und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; von jeden von ihnen ließ sich eine nieder“. (Apg 2,2f.)  Die, die sich am Pfingsttag alle am gleichen Ort befanden, wie es in der Apostelgeschichte heißt, verkünden dann geistbegabt Gottes große Taten in den Sprachen aller Herren Länder. Was sich damals in Jerusalem ereignete, ist eine Sprachschule der besonderen Art. Vermutlich kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass die Jünger Jesu mit einem mal alle möglichen Fremdsprachen beherrschten, sondern vielmehr darauf, dass sie zu anderen, ihnen bislang eher fremden Menschen, in ähnlicher Weise wie Jesus selbst, von der Liebe Gottes zu den Menschen reden konnten. Das, was Gott aus Liebe in und durch Jesus für den Menschen tat und tut, wie er ihn aus seinem Elend, seinen Schuldverstrickungen herauslöst, ihm eine neue Lebensperspektive schenkt, und ihn gar befähigt, davon anderen Menschen so zu erzählen, dass diese das Gehörte als Frohe Botschaft begreifen, das ist das eigentliche Sprachenwunder.

Der Heilige Geist ist ein überaus kraftvoller, alles durchdringender, verwandelnder und dynamischer Geist und er ist immer gegenwärtig, weil er der Geist Gottes ist, der alles ins Dasein rief, es fortwährend erhält und zur Vollendung führen will. Das gilt für jeden einzelnen Menschen, für jedwede Gemeinschaft, also ebenso für Kirche wie auch andere menschliche Zusammenschlüsse und schließlich für die gesamte Schöpfung, ja das ganze Universum.

Das 1200 jährige Jubiläum in diesem Jahr kann auf seine Weise verdeutlichen, was Gottes Geist zusammen mit Menschen, die wirklich offen sind für sein Wehen, bewirken kann. Dafür gilt es Gott zu loben und zu danken.

Morgen nun wird hier am Ort die Ausstellung „Glaubenszeichen in 1200 Jahren“ offiziell eröffnet werden. Wer sie aufmerksam auf sich wirken lässt, wird merken, dass es ihr nicht darum geht, eine makellose oder gar triumphale Abteigeschichte abzubilden. So wie jeder einzelne von uns seinem eigentlichen Ideal oftmals hinterherhinkt und weiß, dass er der Barmherzigkeit Gottes und auch seiner Mitmenschen bedarf, so gibt es auch Versagen und ein Schuldigwerden innerhalb der Abteigeschichte wie auch in der gesamten Kirchengeschichte.

Und dennoch: Trotz manchen Versagens scheint Gott doch auch durch all die Jahrhunderte, durch Höhen und Tiefen, mitgegangen zu sein. Mir scheint das wie im Leben eines jeden einzelnen von uns zu sein. Wer will da von sich behaupten, dass seine ureigenste Motivation immer ganz lauter sei, dass er immer nur die größere Ehre Gottes suche oder das Wohl der Mitmenschen?

Und dennoch: Rückblickend, und vielleicht nur rückblickend erkennen wir, wie sehr Gott auf unserem Lebensweg anwesend war, wie Dinge gefügt wurden, wie scheinbar unüberwindliche Hindernisse im Durchschreiten überwunden wurden. Und das alles nicht durch eigene Kraft, aber auch nicht ohne unser eigenes Mittun. Darum erzählt die Ausstellung weit mehr als schon längst Vergangenes. Sie will den Betrachter zugleich anregen, das Wirken Gottes in seinem eigenen Leben wahrzunehmen und ihm zu vertrauen.

Jetzt lassen Sie einmal Ihre Blicke schweifen. Von Ihrem Platz aus haben Sie freie Sicht auf das Kreuz mit der großen Christus Salvatorfigur, dem auferstanden Christus. An dieser Ostwand unserer Kirche hängt von ganz oben, wie vom Himmel her, eine goldene Leiter herab. Sie ist auch Teil unserer Ausstellung. Und auf der Leiter sind Fußabdrücke einiger schon verstorbener Mitbrüder befestigt. Und diese Spuren führen nach oben, will sagen, die eingeschlagene Richtung stimmt. Die Verstorbenen, deren Spuren also noch sichtbar und durch unsere Erinnerungen wahrnehmbar sind, haben sich auf den Weg gemacht. Sie sind mit Christus dem Auferstandenen vereint, um dann mit ihm in das himmlische Jerusalem, dessen Abbild sich an der Westseite hängt, einzuziehen.

Was heißt das für uns? Kann ich glauben, dass auch in meinen, vielleicht oftmals öden, mühseligen oder zähen Alltag, gleichsam eine goldene Leiter vom Himmel her herunterreicht, die es zu besteigen gilt? Mache ich mir immer wieder einmal klar, dass mein Tun und Lassen ganz konkrete Spuren auf dieser Welt und auch in den Herzen und Seelen meiner Mitmenschen hinterlässt? Und welcher Art sind dann diese Spuren wohl?

Die goldene Leiter – eine Verbindung zwischen Himmel und Erde – könnte das nicht auch ein Bild für den Heiligen Geist sein? Eine Ermutigung, den einmal eingeschlagenen und gewählten Weg weiterzugehen in der Kraft und durch das Geleit des Geistes Gottes, ganz egal ob nun im Kloster oder nicht.

Schließen möchte ich nochmals mit dem Text der Pfingstsequenz, denn in ihm, werden noch weitere Wirkweisen und Früchte des Geistes ins Wort gehoben. Ja, auch darum geht es am Pfingstfest, dass wir die Sprache des Geistes in unserem eigenen Leben vernehmen und zu deuten lernen:

Komm herab, o Heil‘ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not,
in der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Amen.

Pater Andreas Schugt OSB

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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