Predigten

Was bedeutet wachsam leben?

Predigt von P. Christoph Gerhard OSB am 32. Sonntag im Jahreskreis.

Liebe Schwestern und Brüder!

"Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde." Fast klingt der Schluss des heutigen Evangeliums wie eine Drohbotschaft, statt wie eine Frohbotschaft. – Geht es doch im heutigen Gleichnis eher um ein frohes Ereignis, nämlich um junge Frauen, die auf den Bräutigam und das Fest seiner Hochzeit warten. Am Ende stehen aber die Hälfte der Jungfrauen vor verschlossenen Türen, muss draußen bleiben und kann beim großen Fest nicht dabei sein. Der geradezu eindringliche Schluss der Geschichte zwingt uns genau hinzuschauen, was uns Jesus heute im Evangelium sagen will.

Es gäbe beileibe genug Bereiche, wo es für und Menschen gilt wachsam hinzuschauen: die Corona-Krise, die unser Land und jeden einzelnen von uns sehr stark in Beschlag nimmt, – die darüber fast vergessene Umwelt- und Klimaproblematik, die noch nicht einmal im Ansatz gelöst ist, weil wir noch immer über unsere Verhältnisse leben, – die Auszählung der Präsidentenwahl in den USA, die uns vor Augen führt, dass Demokratie nicht zum Nulltarif erhältlich ist und uns daran erinnert, dass spätestens nächstes Jahr auch bei uns Wahlen für den Bundestag sind. Und ich bin mir sicher, dass einen jeden von uns noch ein eigenes, drängendes Problem einfällt, das ihn persönlich betrifft.

Was bedeutet das Gleichnis Jesus und sein Schlusssatz "seid also wachsam!"?

Der Kern des heutigen Evangeliums liegt darin, dass es einen jeden einzelnen von uns auffordert Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und nicht von anderen Gegebenheiten das Gelingen des eigenen Lebens abhängig zu machen.

Die klugen Jungfrauen nehmen die Situation ernst, vor die sie gestellt werden: der Bräutigam, den sie erwarten, kommt irgendwann. Sie wissen nicht wann, es kann bis zum nächsten Morgen dauern. So lange muss das Öl in ihren Lampen brennen und dafür braucht es Vorbereitung, Umsicht und Wachsamkeit. Die törichten Jungfrauen handeln unvorsichtig, ohne Vorsorge für die Nacht. Auch die Klugen können ihnen mitten in der Nacht nicht weiterhelfen, da das Öl sonst nicht für alle reichen wird.

Sind wir, bin ich bereit, für mein eigenes Leben einzustehen? Vorzusorgen für den Zeitpunkt, wenn der Bräutigam, wenn Gott zu mir kommen will? Das heißt doch: für mich zu sorgen im Sinne von, dass ich sorge für mein Leben mit Gott, für die Menschen in meinem Umfeld und für mich selbst. Was eben nicht nur meint, für mich selbst gut zu sorgen, sondern auch genug Zeit und Engagement für andere, bis hin zur alltäglichen zu leistenden Arbeit habe – denn gerade überall dort will mir Gott entgegenkommen, wenn ich das Evangelium im Gesamt ernst nehme.

Ein konkretes Beispiel begegnete mir in einem Menschen, der sehr genau weiß, dass nur wenig Alkohol oder auch nur ein paar Zigaretten ihm gesundheitlich sehr schaden aufgrund einer Vorerkrankung. Und dennoch ist es für ihn ein Drahtseilakt, darauf zu verzichten. Es braucht für ihn eine sehr große Wachsamkeit, der Versuchung der kurzfristigen Belohnung durch Nikotin oder Alkohol nicht zu erliegen.

Vielleicht als wichtige Ergänzung zu heutigen Tendenzen im Sinne von: „wenn jeder an sich sorgt, dann ist für alle gesorgt. So extrem könnte das Evangelium ausgelegt werden. Das ist aber sicher nicht im Sinne Jesu. Solidarität, Nächstenliebe, die sich in konkreten Taten und Teilen ausdrückt sind unverzichtbar für ein Leben nach dem Evangelium. Es geht im Gleichnis ja nicht um das Teilen von realem Öl. Das Öl ist Sinnbild für die Wachsamkeit eines Jeden, die Jesus einfordert und diese Wachsamkeit ist unteilbar. Die Verantwortung für das eigene Leben kann ich nicht weg delegieren an einen anderen Menschen so lange ich gesund und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte bin. Lebenswichtige Entscheidungen, die Grundentscheidungen des Glaubens muss ich selbst treffen. Und: Wachsam leben meint in diesem Zusammenhang, mit offenen Augen die Welt wahrnehmen, nicht gedankenlos, schlampig oder mit der Haltung "es wird schon irgendwie" leben.

Das Bild von der verschlossenen Tür am Ende des Gleichnisses kann uns mahnen, dass es einen Punkt gibt, hinter dem es kein zurück mehr gibt.

Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Wie kann ich mein eigenes das Leben meiner Umgebung auf Dauer schützen, hegen und pflegen? Was kann und will ich an meinem Lebensstil ändern, um mehr Leben für mich und andere zu ermöglichen?

Das sind Fragen, die sich aus dem heutigen Evangelium ergeben. Ein wachsames und achtsames Leben gibt es nicht zum Nulltarif und doch führt es uns in eine tiefere Freiheit und Gemeinschaft mit Gott und allen Menschen.

Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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