Predigten

Wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht

Predigt von P. Anselm Grün OSB am 5. Sonntag der Osterzeit, 29. April 2018, in der Abteikirche Münsterschwarzach.

Der anglikanische Geistliche und Psychologe Jon Sanford nennt das Bild vom Weinstock "reine Mystik". Mystik ist heute wieder modern geworden. Die Menschen suchen nach mystischen Erfahrungen. Sie wollen nicht nur an Gott glauben, sie wollen ihn spüren. Wenn wir dem Bild vom Weinstock folgen, erahnen wir, was Mystik sein könnte. Mit diesem Bild sagt uns Jesus, dass wir mit ihm und durch ihn mit dem Vater eins sind. Und dieses Einssein mit Gott verwandelt unser Leben. Mystik ist nicht weltlos. Das Einssein mit Gott führt dazu, dass wir Frucht bringen. "Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht. Denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen." (Joh 15,5) Das klingt weltfremd und ausschließend, so als ob nur wir Christen Frucht bringen würden. Doch so ist das Wort nicht gemeint. Es gibt Menschen, die viel arbeiten. Aber es kommt nichts dabei heraus. Es blüht nichts auf in ihrem Umfeld. Sie sind nicht in Berührung mit dem Grund ihrer Seele. Sie arbeiten nicht aus ihrem Selbst heraus, sondern aus ihrem Ego. Sie müssen sich bei allem, was sie tun, selbst beweisen. Doch das bleibt letztlich unfruchtbar. Aus der Verbundenheit mit Christus arbeiten heißt: aus dem wahren Selbst heraus zu wirken. Das Selbst ist die Mitte des Menschen. Und in diesem Selbst sind wir schon verbunden mit Christus, da sind wir eins mit Christus.

Wir können den Unterschied bei Menschen erleben, ob sie aus dem Selbst, aus der Verbundenheit mit Christus, arbeiten, oder ob in ihnen nur ihr Ego wirkt. Was das Ego wirkt, will immer beachtet werden und glänzen. Wir können es manchmal bestaunen. Aber es dringt nicht in uns ein. Es wirkt nicht auf uns. Es bringt keine Frucht, die uns nährt.

Das Bild des Weinstocks ist nicht nur in Israel beliebt. Der Weinstock ist auch ein Bild, das die Griechen lieben. Dionysos ist der Gott des Weines und der Ekstase. Ohne Ekstase verkümmert der Mensch. Da bleibt er in seiner „Ego-Schachtel“ stecken. Sanford sieht es als eine Hauptaufgabe der Religion, „Menschen dabei zu helfen, die wahre Ekstase zu finden, das heißt, Wege anzubieten, auf denen jemand für den Moment die gewöhnlichen Grenzen und Strukturen verlassen konnte, durch die wir meist eingeschlossen sind.“ Johannes zeigt uns den christlichen Weg der Ekstase, der uns über uns hinausführt. Durch die Vereinigung mit Christus sprengen wir die engen Grenzen des Ichs und kommen in Berührung mit „der unbegrenzten Kreativität der inneren Mitte“. So hat es schon Origenes zu Beginn des 3. Jahrhunderts gedeutet. Für ihn ist das Wort Jesu wie der Wein, der „uns ein Gefühl der Inspiration verleiht und uns mit einem Rausch erfüllt, der nicht unvernünftig ist, sondern göttlich“. Der Wein bewirkt nach Origenes in uns ein Gefühl der Inspiration und der Freude. Das Bild des Weinstocks drückt die freudige Seite unseres spirituellen Weges aus. Das Ziel unseres Weges ist nicht die Fixierung darauf, ob wir die Gebote Gottes peinlich genau erfüllen, sondern die Ekstase der Freude in der Vereinigung mit Gott.

Damit wir als Rebe am Weinstock Frucht bringen, muss Gott als der Winzer die Rebe reinigen. Die Reinigung geschieht durch Krisen, Krankheiten oder leidvolle Erfahrungen, die wir durchmachen. Aber die Reinigung kann auch durch Worte geschehen. Jesus sagt hier das denkwürdige Wort: „Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.“ (15,3) Jesus hat offensichtlich so zu den Jüngern gesprochen, dass sie sich ganz und gar angenommen, rein, lauter, im Einklang mit sich und Gott fühlten. Das Wort Jesu hat alles Unreine aus ihnen herausgeworfen. Es hat sie in Berührung gebracht mit dem lauteren Kern ihrer Seele. Gott selbst hat sie durch Jesu Wort gereinigt. In diesem Wort wird die Ausstrahlung Jesu sichtbar. Jesus strahlte offensichtlich etwas aus, das den Menschen vermittelte: „Es ist gut, so wie du bist. Du bist rein. Du bist von Gott als gut erschaffen. Das Gute und Reine ist stärker als alle Sünde. Wenn du dich meiner Liebe öffnest, dann ist alles in dir rein, dann wird alles Unlautere geläutert und verwandelt.“ Die Sprache Jesu ist aber auch eine Herausforderung an uns, unsere Sprache zu reinigen. Denn oft genug sind unsere Worte vermischt mit der Tendenz, uns selbst darzustellen, uns über andere zu stellen oder um zu imponieren. Wir sollten nicht mit einer moralisierenden und vorwurfsvollen Sprache den Menschen ein schlechtes Gewissen einimpfen, so dass sie sich unrein fühlen. Wir sollten sie mit unseren Worten mit dem Reinen und Guten in sich in Berührung bringen, das auf dem Grund ihrer Seele schon da ist, auch wenn es oft mit allerlei Müll zuschüttet ist.

Jesus mahnt uns, dass wir am Weinstock bleiben, dass wir in ihm bleiben und dass er in uns bleibt. Wenn wir in Jesus bleiben, dann durchdringt er uns mit seiner Liebe. Und diese Liebe lässt uns Frucht bringen. Die wahre Frucht besteht nicht in großen Leistungen nach außen, sondern in der Liebe, die nun von uns ausstrahlt. Alles, was wir tun, ist nur dann fruchtbar, wenn es von der Liebe geprägt ist. Die Worte, die wir sagen, bringen Frucht, wenn es Worte der Liebe sind. Wenn wir andern helfen, wird es nur zum Segen für sie, wenn es aus Liebe geschieht. Die beruflichen Leistungen zählen nur dann, wenn sie aus der Liebe strömen. Sicher gibt es Menschen, die Geniales vollbringen. Doch wenn die Liebe fehlt, bleibt es unfruchtbar. Es zerfällt. Das zeigt uns Thomas Mann in seinem Roman „Dr. Faustus“. Der Musiker Leverkühn hat mit dem Teufel einen Pakt geschlossen. Er vermag geniale Musik zu komponieren, aber um den Preis, dass er nie im Leben Liebe spürt. Daran zerbricht er. Denn ohne Liebe wird das Leben kalt und sinnlos.

Die Liebe ist jedoch keine moralische Forderung, die wir erfüllen müssen. Vielmehr strömt die fruchtbringende Liebe aus uns heraus, wenn wir mit unserer Mitte in Berührung sind, wenn Christus unsere Mitte, unser Selbst, geworden ist. Das Ego ist aus sicher heraus unfruchtbar. Die Quelle unserer Vitalität und Kreativität liegt in unserer Mitte, in der wir eins sind mit Christus.

In der Eucharistie werden wir eins mit Jesus. Da werden wir alle zu Reben an seinem Weinstock. Da soll die Liebe Jesu nicht nur uns als isolierte Rebe durchströmen, sondern uns alle, die wir gemeinsam am Weinstock hängen. Die Liebe Jesu will uns miteinander verbinden, dass wir gemeinsam in dieser Welt diese Liebe bezeugen. Wenn die Menschen diese Liebe in uns wahrnehmen, dann verwandelt heute diese Liebe Jesu durch uns diese Welt. Dann wird unsere Liebe zu einem Sauerteig, der alles Hasserfüllt und alles Neiderfüllte durchwirkt und verwandelt. Wir feiern in der Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu. Nach dem Johannesevangelium bedeutet die Auferstehung Jesu, dass die Liebe stärker ist als der Tod. Vertrauen wir darauf, dass die Liebe, die wir jetzt feiern und mit der wir erfüllt werden, auch in uns stärker ist als alles, was unsere Lebendigkeit bedroht und einengt, dass die Liebe Jesu uns alle miteinander verbindet und uns inspiriert und mit Freude erfüllt. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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