Gründonnerstag: Real statt Fake
Predigt von Abt Michael sowie Bilder vom Abendmahlsamt am Gründonnerstag in der Abteikirche.
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Manchmal weiß man kaum noch, was eigentlich stimmt. Da gibt es Lügen und „Fake News“. Da gibt es künstlich erzeugte Stimmen und Bilder. Man hört die Stimme von Donald Trump, Pater Anselm oder vom Papst und meint: Das ist doch diese Person, die da spricht? Man sieht ein Video und denkt: Das ist doch diese Person, die sich da bewegt? Doch am Ende erweist es sich als künstlich gemacht, erzeugt, konstruiert.
Es ist zu den großen Fragen unserer Zeit geworden:
Was ist wirklich?
Wem kann ich trauen?
Wer und was ist wirklich verlässlich?
Genau in eine solche Welt hinein feiern wir heute Gründonnerstag. Denn Gründonnerstag ist das Gegenteil von trügerischem Schein. Hier geht es nicht um etwas Digitales, nicht um etwas „Gemachtes“, nicht um einen erzeugten Eindruck.
Hier geht es um reale Präsenz.
Um leibhaftige Anwesenheit.
Um Berührung.
Um Nahrung.
Um den konkreten Menschen, der da ist.
Jesus setzt sich konkret mit seinen Freunden zusammen an einen Tisch. Er spricht mit ihnen. Sie haben Mahl miteinander gehalten, er hat das Brot gebrochen und ihnen gereicht und er nahm den Kelch mit Wein und gab ihn ihnen zum Trinken.
Da spricht er plötzlich von seinem Leib und seinem Blut – angesichts der konkreten Nahrung, die sie essen und trinken. Die Szene geht weiter, dass er vom Tisch aufsteht, sich zu den Jüngern herabbeugt und ihnen die Füße wäscht.
Es geht um Berührung, um direktes Wahrnehmen, um körperliches Spüren. Er behauptet nicht nur „ich bin euer Diener“, sondern er handelt dementsprechend. Er tut es ganz konkret.
Wenn wir zu dem, was wir am Gründonnerstag hören, den „Faktenfuchs“ oder den „Faktencheck“ einschalten, würde in dessen Stil wahrscheinlich gesagt:
„Bei Brot und Wein handelt es sich nicht um Leib und Blut Jesu, sondern lediglich um gewöhnliches Brot und Wein. Jesus ist nicht Gottes Sohn, sondern der Sohn Josefs und Marias. Außerdem ist er kein Diener, sondern der Anführer seiner Gruppe; die Fußwaschung ist nur eine Inszenierung, um die Jünger für sich einzunehmen.“
Der Glaube lebt von einer anderen Art der Fakten. Glaube lebt von den „Fakten der Beziehung“: Sie zeigen und erschließen sich in lebendiger Erfahrung, in persönlicher Begegnung und Verbindung.
Glaube ist wesentlich Begegnungs-, Beziehungs- und Lebens-Erfahrung; Glaube ist die Erfahrung: ich bin zutiefst gemeint, ich bin geliebt, unendlich geliebt, mir ist verziehen, ich bin erlöst.
Das will uns das Handeln Jesu am Gründonnerstag zeigen.
Es geht um Freundschaft, Liebe, Hingabe…
Wie gut, dass es Jesus gibt, einen Menschen, der mit uns isst und trinkt, der uns so in seine Liebe mit hineinnimmt, dass er sagen kann: „ihr könnt mich essen und trinken“ – oder in der Liebessprache heutiger Menschen gesagt: „ich habe dich zum Fressen gerne“.
Er steigt vom Thron herunter und beugt sich zu unseren Füßen, an denen der Staub und der Schmutz unseres Lebens hängt. Er berührt zärtlich unsere Füße, – da sind wir ja auch sehr empfindlich und da lassen wir nicht jeden dran. Darin berührt er mich, bis zu den Haarspitzen, er nimmt mich ganz an und Liebe durchströmt mich…real – kein Fake!
Dabei ist auch Judas, der Jesus verrät: einer, der zum engsten Kreis gehört, der sogar die Kasse verwaltet, der also eigentlich ein Vertrauensmann sein sollte; ein „Insider“ ist dieser Judas – und gerade das macht diese Szene so erschütternd. Das Dunkle kommt nicht von außen, sondern es ist ausgerechnet mitten unter den Vertrauten. Der Gründonnerstag entlarvt das Böse. Das Böse ist nicht nur draußen bei den anderen, sondern kann auch im eigenen Kreis auftauchen.
Die Jünger schauen sich ratlos an und niemand versteht ganz, was Jesus über Judas sagt und was in Judas vorgeht. Uns geht es manchmal genauso, dass wir nicht verstehen, was in einem Menschen vorgeht.
Warum redet und handelt er so?
Warum macht er (wie später auch Petrus) Versprechen, die er nicht hält, vielleicht auch nicht halten kann?
In welchem Zwiespalt steckt er?
Es gibt im Menschen immer auch die Möglichkeit, dass plötzlich etwas ins Böse und Negative abdriftet: aus Vertrauen wird Verrat, aus Nähe wird Zerstörung. Gründonnerstag ist auch in dieser Hinsicht ein Tag der „Fakten der Beziehung“, ein Tag der Wahrheit über uns selbst und die Frage, wie wir zu den Anderen stehen und wozu wir fähig sind.
Jesus weiß um den Verrat und dennoch gibt er Judas den Bissen Brot und wäscht auch Judas die Füße. Vielleicht ist das der tiefste Punkt der Fußwaschung: Sogar Judas hat noch Anteil an Jesus und Jesus zieht seine Liebe von ihm nicht zurück. Selbst das Unverständliche bleibt von Gottes Liebe berührt und umfangen.
Jesus lässt auch ihn nicht los.
Wir wissen nicht, was in Judas vorging. Wir wissen nicht, was mit Judas am Ende geschehen ist. Wir wissen nie endgültig Bescheid über das Herz eines Menschen. Jesus bleibt bis zuletzt mit Judas in Verbindung. Darin liegt selbst in dieser Szene noch Hoffnung.
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich jetzt vom Thron heruntersteige und stellvertretend für Sie alle 12 Personen sich auf den Thron setzen und ich mich beuge und ihnen die Füße waschen darf – und das ist kein Fake – möge etwas von der unendlichen, allumfassenden Liebe Gottes durch uns alle hindurchströmen.
Amen.



















