Predigten

Bild des unsichtbaren Gottes

Predigt von P. Fidelis Ruppert OSB am Sonntag der 15. Woche im Jahreskreis zu Kol 1,15-20

Schwestern und Brüder,

"Jesus ist Bild des unsichtbaren Gottes" haben wir eben in der Lesung aus dem Kolosserbrief gehört. Diesen Text singen wir Mönche jeden Freitagmorgen in den Laudes, drum lohnt es sich, ihn ein wenig mit Ihnen zusammen zu meditieren. "Jesus ist Bild des unsichtbaren Gottes." Das heißt: An Jesus können wir sehen, wie Gott selber ist. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt er selber einmal.

Aber: Sieht man da was? Ist das so, wie wenn man in einen Kinderwagen schaut und dann sagt: "Ach, schau mal, ganz der Vater, diese Nase, diese Ohrläppchen" usw. Ist das so ähnlich gemeint? Was sieht man denn da an Jesus, wenn er "Bild des unsichtbaren Gottes" ist? Sicher nichts, was man fotografieren könnte. Aber man kann sehen, wie er sich benimmt, was er tut, man kann hören, was er sagt. Und daraus kann man sich ein Bild machen davon, wie der Vater ist, der ihn gesandt hat und dessen Botschafter er ist.

Nehmen wir einige Beispiele: Wir haben gerade das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gehört. So ist auch Jesus selber: er heilt, was verwundet ist und so ist er ein Bild vom barmherzigen Vater, der den davongelaufenen Sohn wieder in die Arme schließt. Jesus, ein Bild vom "Vater des Erbarmens und dem Gott allen Trostes", wie es der Hebräerbrief formuliert.

Jesus offenbart aber noch andere Seiten Gottes, seines Vaters. Wenn er z.B. sagt: "Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist meiner nicht wert." Ein hartes Wort, das letzte Konsequenz im Glauben fordert. "Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer", sagt der Hebräerbrief. Ja, unser Gott ist barmherzig, aber kein Weichei. Er kann glühen vor Eifer und herausfordern bis zum Äußersten. Auch das kann man an Jesus selbst besichtigen, der in den tiefsten Abgrund des Leidens und Sterbens hinabsteigen musste – anscheinend erbarmungslos.

Hier offenbart sich eine unerbittliche Seite Gottes…. Aber andrerseits dann auch die gewaltige Wucht der Auferstehung, deren Energiewellen noch heute zu spüren sind: Aus den tiefsten Tiefen von Leid und Tod sprießt plötzlich Leben auf, unvergängliches.  So offenbart sich an Jesus eine weitere gewaltige Seite unseres Gottes, wenn hier Tod und Leben in eins fallen – auf unbegreiflich geheimnisvolle Weise.

Wir könnten jetzt noch lange weitermachen und die unterschiedlichsten Seiten im Wirken Jesu aufzählen. Es ergäbe sich eine ganze Fülle verschiedener Eigenschaften und Verhaltensweisen, die alle auch etwas über Gott selbst aussagen – eine ganze, unendliche Fülle. Und am Ende unserer heutigen Lesung heißt es dann: „Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen“, ein schöner Ausdruck: Gott wollte in ihm wohnen – mit seiner ganzen Fülle. Er wohnt in ihm, erfüllt ihn, füllt ihn aus – mit allem, was Gott selber ist.

Diese Wahrheit, diese Tatsache ist dem Kolosserbrief so wichtig, dass er im folgenden 2. Kapitel, das hier nicht gelesen wurde, diesen Satz nochmals wiederholt mit den Worten: in Jesus "wohnt die ganze Fülle der Gottheit". Und dann fügt er wie zur Bekräftigung noch hinzu: "leibhaftig". Gott wohnt leibhaftig in ihm; es ist also ganz konkret gemeint, nicht nur eine fromme symbolische Aussage. Gott ist geradezu leibhaftig in Jesus gegenwärtig. In ihm kann Gott selbst angeschaut und berührt werden – leibhaftig.

Aber dann fährt dieser Text im 2. Kapitel noch weiter und zieht daraus eine ganz konkrete Folgerung – für uns persönlich: "durch ihn seid auch ihr davon erfüllt." Erfüllt – mit der ganzen Fülle Gottes erfüllt – weil Jesus, in dem die Fülle der Gottheit wohnt, auch in uns wohnt – und das auch noch leibhaftig. "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?" So konkret wird Gott…im Menschen, dass er leibhaftig in ihm wohnt.

Glauben Sie das eigentlich? Glauben Sie, dass ER wirklich mit seiner ganzen Fülle in Ihnen wohnt – in Ihnen persönlich? Und natürlich auch in mir und in jedem meiner Brüder dort im Chorgestühl? Mit seiner ganzen Fülle – leibhaftig – man kann diesen Gedanken mal ganz ruhig auf sich wirken lassen…..

Angenommen: es stimmt! Wäre das nicht eine heiße Botschaft? Voll Feuer und Dynamik!? Und zukunftsträchtig! Was könnte daraus alles werden!! Wenn wir uns immer und immer wieder bewusst machten: ER wohnt in mir – mit seiner ganzen Fülle – leibhaftig, konkret….

Das bringt Bewegung in mein Leben, da kann etwas wachsen und sprießen! Und deshalb heißt es weiter im Kolosserbrief: "So sollt ihr Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes." Aus dieser inneren Fülle, dieser inneren Dynamik wächst dann etwas weiter und bringt Frucht, im Alltag, handgreiflich konkret.

Und nachdem dieser Jesus, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt, nachher gegen Ende des Gottesdienstes in der Kommunion "leibhaftig" zu uns gekommen ist, heißt es anschließend im Gebet nach der Kommunion:
Herr unser Gott, wir danken dir für die heilige Gabe. Lass deine Heilsgnade in uns wachsen, sooft wir diese Speise empfangen.

Möge sie also wachsen, die Fülle Gottes in uns und weiterwachsen – ein Leben lang…..bis hinüber ins ewige Leben….. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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