Predigten

Die Kraft des guten Hirten

Predigt von P. Anselm Grün OSB am 4. Ostersonntag zu Joh 10,1-10.

Jesus beginnt seine große Rede vom guten Hirten mit einem Rätselwort. Er geht aus von einem ummauerten Hof, in dem die Schafe verschiedener Hirten nachts über untergebracht werden. Der Hof wird von einem Türhüter bewacht. Der lässt den richtigen Hirten ein. Und der nennt die Schafe, die zu ihm gehören, beim Namen und sie folgen ihm. Aber es gibt da auch Diebe und Räuber, die auf andere Weise sich Zutritt zu den Schafen verschaffen. Die Zuhörer verstehen die Rätselrede nicht. Wie können wir sie heute verstehen?

Ich persönlich verstehe als Bild für geistliche Begleitung. Und ich deute sie auf dem Hintergrund des geistlichen Missbrauchs, der auch heute in der Kirche weit verbreitet ist. Jesus unterscheidet dabei zwei Weisen des geistlichen Missbrauchs. Da sind dann die Diebe, die sich heimlich einschleichen in die Seele des Klienten. Sie kümmern sich sehr um sie, aber in Wirklichkeit brauchen sie die, die sie begleiten, für sich selbst, um sich selbst als gute Begleiter fühlen zu können. Und Jesus spricht von Räubern, das sind Menschen, die sich gewaltsam Zutritt zu den Menschen verschaffen.

Es sind die geistlichen Begleiter, die ihre Autorität einsetzen und damit das Gewissen des andern völlig ausschalten. Sie wissen genau, was für den andern gut ist. Und sie drohen dem, den sie begleiten: "Du wirst schon sehen, wo du landest, wenn du mir nicht folgst. Ich weiß genau, was Gott von dir will." Jesus ist dagegen ein Bild für den guten Begleiter. Er öffnet eine Tür für uns, dass wir Zugang finden zur eigenen Seele und dort die eigene Lebendigkeit und Freiheit in uns entdecken. In dieser Auslegung ist der gute Hirte ein Bild für Jesus und die Schafe ein Bild für die Christen.

Der große Bibelausleger Origenes hat im 3. Jahrhundert die Worte Jesu anders ausgelegt. Er meint, es sei wenig schmeichelhaft für die Christen, wenn sie sich nur als Schafe verstehen, die dem Hirten folgen. Er sieht die Schafe als Bild für die Instinktkräfte der menschlichen Seele. Wir haben in uns intuitive Fähigkeiten, die auf die Stimme des guten Hirten hören. Wenn wir unserer eigenen Seele trauen, können wir gut unterscheiden zwischen denen, die uns zum Reichtum unserer Seele führen, die uns auf eine Weide führen, die uns nährt, und zwischen denen, die uns ausbeuten, die uns immer schwächer werden lassen, die uns abhalten von unserer eigenen Lebendigkeit. Wenn wir unserer eigenen Seele trauen, spüren wir auch, welche Stimmen in unserem Inneren uns gut tun, welche uns zum Leben bringen und welche Stimmen uns auf falsche Fährten locken.

Origenes hat die menschliche Seele genau beobachtet. Unsere Seele kennt da die Gedanken, die wie Diebe sind. Sie klingen zunächst fromm. Aber in Wirklichkeit rauben sie uns die eigene Lebendigkeit. Sie versprechen uns, dass wir vollkommen werden, wenn wir dieser Stimme folgen. Aber die Vollkommenheit ist nicht die Fülle des Lebens, die uns Jesus verheißt, sondern die Erfüllung des eigenen Ehrgeizes. Und unsere Seele kennt die räuberischen Gedanken, die gewaltsam in uns eindringen.

Solche räuberischen Gedanken üben Macht aus über uns, indem sie uns ein schlechtes Gewissen einimpfen, wenn wir uns etwas gönnen. Ich kenne eine Frau, die ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie sich einfach mal hinsetzt und ein Buch liest. Da kommt sofort der räuberische Gedanke: es gibt Wichtigeres zu tun als zu lesen. Bring den Haushalt in Ordnung. Helfe anderen Menschen. Dann tust Du etwas Sinnvolles.

Auf diese Rätselrede antwortet Jesus mit den Ich-bin-Worten. Zweimal spricht er davon: "Ich bin die Tür" und zweimal "Ich bin der gute Hirte". Jesus ist die Tür, durch die wir den Zugang zu unserer eigenen Mitte, zu unserem wahren Selbst finden. Die Türe öffnet uns, damit wir unsere eigene innere Weite betreten. Jesus sagt von sich als Tür: "Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden: er wird ein- und ausgehen und Weide finden."

Wenn wir durch die Tür Jesu gehen, werden wir heil und ganz werden und wir werden unser wahres Selbst finden. Das sagt das griechische Wort "sothesetai". Und wir werden ein- und ausgehen, nach innen gehen, um bei uns zu bleiben. Aber wir gehen auch hinaus zu den Menschen, wir gehen auf die Weide, im Miteinander finden wir Nahrung.

Dann spricht Jesus das wunderbare Wort aus über das Ziel seines Kommens: "Ich bin gekommen dass sie das Leben haben und es in Fülle haben." Im Griechischen heißt es: perisson, das meint: in Überfluss haben. Leben will fließen in uns und es will überfließen in die Welt hinein und in die Menschen, denen wir begegnen.

Dieses Wort Jesu ist für mich ein wichtiges Kriterium geworden bei der geistlichen Begleitung. Viele erzählen davon, wie sehr sie Jesus lieben. Aber man spürt von dieser Liebe nichts. Sie sind nicht lebendig. Ihr Leib ist völlig verkrampft. Ihr Herz geht nicht auf, weder im Gespräch, noch in der Natur, noch beim Hören schöner Musik. Ihre Liebe  zu Jesus ist Ersatz für das ungelebte Leben. Das ist nicht Jesus, den sie da lieben, sondern ihr Bild, das sie sich von Jesus gemacht haben. Ich erschrecke manchmal, wenn Menschen sich für nichts mehr begeistern oder an nichts mehr freuen können. Da ist keine Lebendigkeit, die ansteckt. Da ist nur noch ein Dahintrotten ohne Leben.

Ob wir Jesus begegnen oder dem Bild, das wir uns von Jesus gemacht haben, das spürt man an der Lebendigkeit. Jesus sagt von dieser Lebendigkeit, dass sie fließt, dass sie überfließt. Das ist für mich ein schönes Bild: Dort wo das Leben im Fluss ist, wo etwas zwischen uns fließt, wo das Leben hinfließt in die Beziehung zu anderen Menschen, in die Beziehung zur Natur, in die Beziehung zur Kunst, da ist Jesus unser innerer Begleiter. Dort ist Jesus die Tür zum Leben.

Nach den beiden Türworten spricht Jesus nun zweimal von sich als dem guten Hirten (Joh 10,11 und 14). Allerdings wird das im heutigen Evangelium nicht mehr vorgelesen. Carlo Martini, der frühere Kardinal von Mailand macht in seiner Meditation dieser Worte darauf aufmerksam, dass es im Griechischen heißt: "ego eimi ho poimen kalos = ich bin der Hirte, der schöne". Jesus ist der Hirte, der uns die Schönheit des Lebens aufschließt, der uns die Türe öffnet für die Schönheit. Die Schönheit Jesu zeigt sich, indem er sein Leben hingibt für uns. Das erfahren wir ja auch in unserem Alltag. Wenn ein Mensch sich hingibt, wenn er hingebungsvoll die Schönheit einer Blume betrachtet, hingebungsvoll Musik hört, voller Hingabe sich auf das Wort einlässt, das er hört, sich hingebungsvoll dem Menschen zuwendet, mit dem er spricht, sich ganz auf das Gespräch einlässt, dann strahlt etwas Schönes in ihm auf. Dann wird sein Gesicht schön.

Wir feiern jetzt die Hingabe Jesu, in der die Schönheit des guten Hirten unter uns aufleuchtet. Wir feiern sie, damit wir uns wie Jesus hingeben an das Leben, an die Liebe, an die Menschen, an diesen Augenblick. Und wir vertrauen darauf, dass in dieser Hingabe die Fülle des Lebens in uns aufblüht und dass das Leben hinüberfließt zu den Menschen, denen wir heute begegnen, damit auch sie in Berührung kommen mit der Lebendigkeit und Schönheit, die der gute Hirte in jedem von uns wachrufen will. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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