Predigten

In Bedrängnis aus dem Glauben leben

Predigt von Pater Anselm Grün OSB am 33. Sonntag im Jahreskreis, 13. November, in der Abteikirche Münsterschwarzach zu Lk 21,5 - 19

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Ende jedes Kirchenjahres hören wir als Evangelium die sogenannte apokalyptische Rede Jesu. Es geht um das Ende der Welt. Manche Christen haben die Rede Jesu missbraucht, um einen festen Termin für das Ende der Welt festzulegen. Doch Jesus geht es nicht um eine Terminfrage. Er schildert vielmehr die Situation unserer Welt, wie sie immer zutrifft. Zunächst geht er von einem geschichtlichen Ereignis aus: Er schaut auf den Fall Jerusalems und die Zerstörung des Tempels. Das war für fromme Juden schon ein Weltuntergang. Für den heiligen Augustinus war der Fall Roms ein Weltuntergang. Für viele war der Ausgang der Wahlen in USA ein Weltuntergang, der Untergang einer Welt der Werte. Jesus spricht von politischen und kosmischen Erschütterungen, von Kriegen und Erdbeben, von Naturkatastrophen und von seltsamen Himmelszeichen. Und dann spricht er von der Verfolgung der Christen. All das erleben wir heute. Es ist unsere Welt, die Jesus beschreibt, eine Welt voller Bedrängnis.

Doch Jesus geht es darum, wie wir in dieser Bedrängnis aus dem Glauben leben können. Drei tröstende Worte Jesu wollen uns einen Weg zeigen, wie wir in dieser Welt als Christen bestehen können. Das erste Wort, das uns mitten in der Verfolgung und Bedrohung stärken möchte: "Nehmt euch fest vor, nicht im voraus für eure Verteidigung zu sorgen. Denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben". Wir sollen also keine Angst haben. Wir brauchen uns vor der Welt nicht zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Wir sollen uns nicht mit rationalen Argumenten gegen die verteidigen, die unseren Glauben lächerlich machen. Jesus selbst ist unser Beistand. Er wird uns eingeben, was wir sagen sollen. Wie das konkret aussehen kann, erzählt uns eine chassidische Geschichte. Ein gottloser Aufklärer brachte zahlreiche jüdische Weise in Verwirrung, weil er in seiner Argumentation wesentlicher geschickter auftrat als die jüdischen Theologen. Doch dann möchte er das Gleiche bei Rabbi Levi versuchen. Doch der hält sich an seinem Gebetbuch fest und lässt den Aufklärer alle seine Argumente gegen Gott vortragen. Als er mit seiner Rede fertig war, schaute der Rabbi nur auf und sagte dem Aufklärer: "Vielleicht ist es aber wahr." Das hat den so forschen Aufklärer völlig entmachtet. Ihm schlotterten die Knie, so erzählt uns die Geschichte.

Der zweite Trost: Euch wird kein Haar gekrümmt werden. Ihr werdet heil aus dieser Situation heraus kommen. Das meint sowohl den körperlichen Schutz als auch den seelischen Schutz. Vertraut auf Gottes Beistand. Selbst wenn die Menschen euch töten, euer wahres Selbst können sie nicht zerstören. Die Menschen, die euch beleidigen, können euch letztlich nichts anhaben. Denn sie zielen nur auf eure Empfindlichkeit, aber zu eurem Selbst können sie nicht vordringen.

Der dritte Trost: "Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen." Im Griechischen steht hier: Hypomone, das heißt: Drunterbleiben, Ausharren, Geduld, Standhalten. Im Standhalten werdet ihr eure Seelen gewinnen. Die lateinische Übersetzung deutet es so: "In patientia vestra possidebitis animas vestras": In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen. Die Geduld ist die Tugend, die eigene Seele zu besitzen. Wenn ich bei mir bleibe, wenn ich bei mir selbst ausharre, dann gehört meine Seele mir und nicht den Menschen, die Macht über mich ausüben wollen.

Das ist die erste Deutung, dieses Evangelium zu verstehen. Jesus zeigt uns einen Weg, wie wir auf die Bedrängnisse der Zeit, auf ihre Ängste und Turbulenzen antworten können. Es gibt aber noch eine andere Deutung. Das Ende der Welt ist für jeden von uns der Tod. Im Tod kommt die Welt für uns zu Ende. Das Ende der Welt ist also für jeden von uns nahe, denn niemand weiß, wann der Tod nach ihm greift. Die Beschreibung Jesu vom Ende der Welt gilt auch für unser eigenes Sterben. Da verdunkeln sich die Sterne und die Sonne. Da erhebt sich ein Volk gegen das andere. Psychologen haben in diesen Schilderungen Jesu eine genaue Beschreibung dessen erkannt, was im Sterben bei jedem geschieht. Da werden wir mit unserer eigenen Wahrheit konfrontiert. Und der Weg zu dieser Wahrheit geschieht über heftige innere Erschütterungen. Da fällt das alte Lebensgebäude zusammen. Die bisherige klare Sicht auf unser Leben verdunkelt sich. Wir bekommen Angst. Die Angst vor dem Tod ist häufig die Angst vor dem Kontrollverlust. Wir haben Angst, alles würde uns entgleiten. Wir können das Chaos, das in uns ist, nicht mehr verbergen.

In diese Angst hinein spricht Jesus auch diese drei tröstenden Worte. Sie bedeuten dann: Du brauchst dich vor Gott nicht zu rechtfertigen. Du musst Gott nicht beweisen, dass alles in dir richtig und gut ist. Halte dich Gott so hin, wie du bist. Jesus selbst steht dir zur Seite. Er ist dein Verteidiger. Er rechtfertigt dich vor Gott. Er wird Gott auf seine Wunden weisen, damit deine Wunden geheilt werden. Er wird auf seinen Tod am Kreuz zeigen, damit dein Tod dich zum Leben führt.

Der zweite Trost: Dir wird kein Haar gekrümmt. Dein Leben wird dir genommen. Aber Deinem wahren Selbst wird kein Haar gekrümmt. Das wird im Tod in seiner eigentlichen Gestalt aufscheinen, frei von allen Trübungen durch deinen Charakter, durch deine Lebensmuster, durch deine Empfindlichkeit. Im Tod wird das einmalige Bild, das Gott sich von dir gemacht hat, in seiner ursprünglichen Schönheit aufstrahlen.

Und der dritte Trost: In der Geduld wirst du deine Seele besitzen. Halte geduldig aus, was da über dich kommt, all das Schreckliche, all das Einstürzen deines Lebenshauses, all das Verdunkeln deines inneren Lichtes. Der Tod ist wie ein Tunnel, durch den du schreiten musst. Du brauchst Geduld. Denn lange Zeit siehst du nichts als Finsternis und Schrecken. Doch in der Geduld wirst du deine Seele bewahren und besitzen. Sie wird durch den Tunnel hindurch in das Licht Gottes gelangen und dort zum Licht werden. Dann wird das Ende zu einem neuen Anfang werden, zur Auferstehung in ein neues Leben, in ein Leben im Licht, in der Liebe und im Frieden.

Jesus zeigt uns in seiner apokalyptischen Rede, wie es in der Welt und wie es in uns selbst aussieht. Er verheißt uns keine heile Welt. Da wird vieles verdunkelt werden. Schreckliche Dinge werden geschehen, um uns herum und in uns. Wir werden verfolgt und angefeindet. Das alles gehört zu unserem Leben. Aber mitten in dieser Bedrängnis und Bedrohung sollen wir den drei Trostworten Jesu trauen. Sie zeigen uns einen Weg, unser Leben trotz aller inneren und äußeren Nöte auszuhalten und darin unsere Seele zu gewinnen, die keine Macht der Welt zu schädigen vermag, weil Jesus selbst ihr beisteht und sie verteidigt gegen alle Anklagen, die andere vorbringen oder die unser eigenes Über-Ich uns vorhält.

Trauen wir Jesus Christus, der unser aller Anwalt ist, der jetzt in dieser Eucharistiefeier unter uns ist, uns beisteht. Jesus beschenkt uns in der Kommunion mit seinem göttlichen Leben, dem keine Macht der Welt etwas anhaben kann. Er erfüllt uns mit seiner Liebe, die stärker ist als der Tod. Amen.

Pater Anselm Grün

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