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Predigten

Predigt: Tischgemeinschaft – Integrationsarbeit im Alltag

Drei Mönche und vier Frauen sitzen an einem gedeckten Tisch

Schwestern und Brüder,

Atom- und Sicherheitsabkommen, Handels- oder Klimaabkommen; das sind nur wenige Beispiele internationaler Verträge, durch die sich Staaten zu bestimmten gegenseitigen Verpflichtungen bekennen. Zunehmend erleben wir, dass auf politischer Ebene Abkommen infrage gestellt oder sogar aufgekündigt werden, wenn nationale Interessen stärker gewichtet werden als gemeinsam unterschriebene Vereinbarungen. Die Folgen für die jeweils andere Seite werden dabei in Kauf genommen. Dies betrifft nicht nur Sicherheitsabkommen, auch die Zusammenarbeit im Entwicklungsdienst oder die Unterstützung bei internationalen Katastropheneinsätzen.

Die heutigen Lesungstexte sprechen eine andere Sprache. Gefragt ist nicht nach einem Abkommen, das danach fragt: Was bringst du mit? Welche Garantien stehen für das Abkommen? Bleibt der Vertragspartner verbindlich zu seiner Zusage?

Abraham ließ sich ohne jegliche Gegenleistung auf Gott und seine Verheißung ein, so hörten wir es in der Lesung. Aufgrund seiner Glaubensgerechtigkeit wurde ihm ein Sohn im hohen Alter geschenkt gegen alle menschliche Hoffnung - und sollte Vater vieler Völker werden. Im Evangelium macht Jesus Matthäus kein Angebot; er will ihn nicht für einen Deal gewinnen. Er spricht den Zöllner unvoreingenommen mit den knappen Worten „Folge mir nach!“ an. Diese wenigen Worte genügen Matthäus, ohne weitere Erklärung aufzustehen und Jesus in seinem Haus zu bewirten. Warum gibt sich Jesus mit Matthäus ab? Er muss doch mit dem Unmut der Leute rechnen. In den Augen der Pharisäer ist Matthäus ein Sünder, bekannt dafür, seine Stellung als Zöllner auch zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen.

Jesus weiß sehr wohl um seinen Ruf und hält dagegen: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Ein Arzt wartet nicht darauf, dass ein Kranker gesund wird und sich genau an das hält, was für die Gesundung maßgeblich ist. Vielmehr sieht er sich in der Pflicht, gerade dort anzusetzen, wo Heilung nötig ist. Jesus geht von sich aus auf Matthäus zu, ohne dass er ihn darum gebeten hat. Das Zusammensein am Tisch ist deshalb mehr als eine gewöhnliche Mahlzeit. Es ist die Geste der Aufnahme und Integration in das Dorfleben der Menschen von Kafarnaum. Ob diese Integration gelingt, bleibt offen. Integration bedeutet Eingliederung, Wiederherstellung. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort integer mit der Wurzel tangere = berühren ab, und bedeutet unberührt, unangetastet; im moralischen Sinn bezeichnet er einen Menschen, der unbescholten, angesehen und vertrauenswürdig ist. Wir sprechen von einer integren Persönlichkeit, die sich nichts zu Schulden kommen ließ und Ansehen, Autorität genießt. Das scheint bei dem Zöllner Matthäus keineswegs der Fall zu sein.

„Ist der Ruf dann ruiniert, lebt es sich ungeniert“, so das Sprichwort. Deshalb haftet ihm der negative Anstrich eines Sünders an.

Matthäus muss sich erst noch als integre Persönlichkeit bewähren. Indem Jesus ihn öffentlich ruft, ihm Glauben und Vertrauen schenkt, ermöglicht er ihm einen Neuanfang. Sichtbar wird dies im Ruf „Folge mir nach“, in der anschließenden Tischgemeinschaft und dem gemeinsamen Essen.

Der Ordensmann und Theologe Karl Rahner beschreibt die Bedeutung der Nahrung als „Verwandlung des Toten in das Lebendige, die Anverwandlung des Fremden in das Eigene“. Nahrung wird Teil eines größeren Ganzen. So verweist Essen über die bloße Nahrungsaufnahme hinaus auf einen Prozess von Verwandlung und Integration.

Menschen teilen beim gemeinsamen Essen ja nicht nur Nahrung, sondern auch Gedanken, Erfahrungen und ihre Lebensgeschichten. Die Tischgemeinschaft wird dadurch zu einem Ort der Begegnung, des Vertrauens und der Zugehörigkeit. Darin liegt die tiefere Bedeutung des Mahls Jesu mit Matthäus: Es ist Ausdruck der Anerkennung und des Vertrauens, und zugleich der Beginn der Eingliederung oder Wiedereingliederung in die Gemeinschaft. Gemeinsames Essen ist nicht nur Zeichen von Integration; es ist Integrationsarbeit im Alltag. Unterschiede der Herkunft, des sozialen Status oder der Lebensgeschichte treten in den Hintergrund und schaffen Raum für Begegnung. Jesus integriert den Zöllner nicht erst nach seiner Veränderung, sondern durch die Gemeinschaft am Tisch.

Vielleicht ist uns noch die Begegnung von Olaf Scholz mit dem russischen Präsidenten Putin aus seiner Zeit als Bundeskanzler zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine in Erinnerung. Putin empfing Scholz im Kreml an einem überdimensional 6m langen Tisch. Beide saßen an den Stirnseiten des Tisches. Allein der Anblick dieser Konstellation erweckte den Eindruck einer unüberbrückbaren Distanz zwischen beiden Staatsmännern.

Ganz anders die Situation, wenn Abkommen unterzeichnet werden, erfolgt das in einem feierlichen Rahmen. Gespräche und Vereinbarungen werden dabei gewürdigt, die im Vorfeld in Arbeitssitzungen, Arbeitsessen und Tischgesprächen stattgefunden haben. Deshalb wissen Politikerinnen und Politiker sehr genau, wie wichtig persönliche Begegnungen sind. Nicht selten werden schwierige Verhandlungen bei einem gemeinsamen Arbeitsessen fortgeführt. Man sitzt miteinander am Tisch, hört einander zu und lernt die Beweggründe des anderen kennen. Persönliche Begegnungen leben davon, dass Menschen einander mit Offenheit und Respekt begegnen.

„Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist“, so der Mystiker Meister Eckhart. Genau darin liegt der Integrationsgedanke Jesu. Er wartet auf keine Rechtfertigung des Zöllners und schließt mit ihm keinen Vertrag, sondern holt ihn an der Zollstelle ab und macht den Weg zu seinem Haus frei für Begegnungen. Wo Menschen einander einen Platz am gemeinsamen Tisch anbieten, kann Verbindung entstehen und Verständnis wachsen. Menschen werden aus ihrer Distanzierung herausgeführt und gewinnen neue Perspektiven für ihr Leben. Der lange Tisch im Kreml wurde zum Symbol der Distanz zwischen Menschen. Der Tisch Jesu hat Platz für alle. Darum gibt es immer einen freien Platz – für Matthäus, für viele andere und ebenso für uns.

Amen.