Predigt zu Neujahr
Liebe Schwestern und Brüder,
es wird jetzt keine Predigt zu oder aus den Tagesnachrichten geben –
keine Zeitschelte oder Wahrsagen für das neue Jahr,
sondern eine Predigt, welche die ganz persönliche Gottesbeziehung betrifft.
Im liturgischen Kalender ist der 8. Tag nach Weihnachten eines der ältesten Marienfeste.
Das hat nichts mit den neuzeitlicheren schwulstigen Auswüchsen der Marienfrömmigkeit
zu tun und auch nicht mit den Streitereien, die in der Reformationsgeschichte gefochten wurden.
Es hat mit der Urgestalt des Gottesweges, der mit uns gemeint ist, zu tun.
Auf Meister Eckehard, den gesegneten Mystiker und Prediger, geht das Wort zurück:
„Die Seele jedes Menschen ist Maria. Dazu geschaffen: Gottes Wort zu empfangen, es
auszutragen und zur Welt zu bringen, zu gebären.“
„Mir geschehe, wie Du gesagt hast.“
Das heißt übertragen: Mir geschehe, wie Du, mit der Art und Weise, wie ich als Mensch
geschaffen und mir gegeben wurde.
Ich bin eine ureigene Schöpfung, ein ureigener Gedanke aus der Liebe Gottes. Einmalig.
Daraus folgert die wichtige, entscheidende Lebensaufgabe: die Annahme meiner selbst.
„Mir geschehe, wie Du gesagt hast.“
Das heißt weiter, meine Art, Mensch zu sein, in guter Hoffnung austragen.
Jeder Mensch ist mit dieser Schwangerschaft seiner selbst beschenkt und gefordert.
Wer mit diesem Werden und Wachsen nicht sorgsam, lieb, behutsam und zustimmend
umgeht, schadet seinem Wachstum. Diese Seele, dieser Leib, eben was ich bin –
braucht Pflege, Fürsorge, braucht stille Zeiten und Bewegung, braucht meinen Atem und
meine Nahrung, braucht die Mühe des Wachsens.
Wie das Kind mithört und mitfühlt mit der Mutter, so werde ich geprägt von den Sätzen,
Gedanken, Absichten der täglichen Taten.
Ich werde geprägt von meinem Gottesumgang, meinem bei ihm sein oder eben Gott
Vergessen. Ich bin mir anvertraut, um mich auszutragen bis zur Reife der vollen
Gottesgeburt in das ewige Leben.
Schließlich haben Empfängnis und Schwangerschaft den Sinn, als letzten Schritt ein Kind
zur Welt zu bringen. Gott empfangen haben, Gott austragen und Gott in die Welt gebären.
Was kann das heißen?
Mein Alltag geschieht in Gottes Gegenwart.
Mein Alltag lebt für den Auftrag, der mir aus meinem Gewordensein erwächst.
Meine Welt, meine Umgebung soll ich aus der Gottesgegenwart heraus gestalten:
Vor ihm, mit ihm, in ihm.
Gott hat keine Hände, nur unsere Hände, keine Worte, nur unsere, keine Hingabe an das
Leben als die unsere.
Ich solle erlebbar und greifbar etwas von Gottes Wort darstellen, dafür eintreten, es
verteidigen, es treu durchtragen, es ausleben bis in den letzten Ausatem – ins ewige Leben hinein.
Dieser weihnachtliche Auftrag möge uns alle auch im kommenden Jahr führen.
Er soll uns ein Segen sein für ein gesegnetes Jahr 2026.
Das meint: jede Seele ist Maria:
d.h. Gott empfangen, Gott austragen und zur Welt bringen.
Amen.