Verletzlich und zärtlich zugleich
In der Oktober-Ausgabe des Münsterschwarzacher „Ruf in die Zeit“ beleuchten wir zwei zentrale Aspekte menschlicher Existenz
Eine Teeschale fällt zu Boden. Sie zerbricht in mehrere Teile. Und nun? Einfach wegwerfen? Die jahrhundertealte japanische Kunst des Kintsugi lehrt etwas anderes: In einem liebevollen, fast zärtlichen Prozess werden die Scherben wieder zusammengefügt, die Bruchstellen nicht versteckt, sondern mit Gold veredelt. Verletzung und Heilung, Verletzlichkeit und Zärtlichkeit gehören hier untrennbar zusammen – wie so oft im menschlichen Leben.
In der Oktober-Ausgabe des „Ruf in die Zeit“ geht P. Wolfgang Sigler in seinem biblischen Impuls der Frage nach, ob Gott verletzlich ist. Gott zeigt sich dem Menschen nämlich zwar immer wieder als einer, der stärker ist als die Stärksten, aber eben auch als ein Gott, der in seiner Menschwerdung bewusst die Verletzlichkeit wählt. Dann laden Dr. Nina Bürklin und Klaus Motoki Tonn dazu ein, mit Hilfe des Kintsugi einen neuen Blick auf die Wunden im eigenen Leben zu wagen. Denn: Menschlichkeit liegt nicht in der Unversehrtheit, sondern im Mut, die eigenen Narben anzunehmen. Die Wiener Theologin Prof. Dr. Isabella Guanzini bricht in ihrem Beitrag eine Lanze für die Zärtlichkeit, die für sie weit mehr ist als sentimentales Nahrungsergänzungsmittel des Privatlebens. Die Leiterin des Antonia-Werr-Zentrum in St. Ludwig Anja Sauerer berichtet über Verletzlichkeit und Zärtlichkeit bei der Arbeit mit traumatisierten Mädchen und jungen Frauen; professionelle Nähe und zärtliche Präsenz sind ihrer Erfahrung nach immens wichtig bei Verletzungen und traumatischen Erfahrungen. Ausgehend von einer Gottes-Erfahrung Elijas macht sich P. Zacharias Heyes auf die Suche nach Gott im Alltag. Seine Entdeckungen machen Mut, weil sie zeigen: Gott ist zärtliche Gegenwart. Das Interview haben wir diesmal mit Br. Laurentius Moll geführt. Seit über 30 Jahren hat er von Berufs wegen mit schwer kranken und sterbenden Menschen zu tun hat. Seine Erfahrungen in einem Würzburger Hospiz erzählen davon, wie Sterben in Zärtlichkeit münden kann.
Im zweiten Teil des Heftes werfen wir einen Blick in das Ossarium unter der Abteikirche, Luisa Burger berichtet über die Zusammenarbeit der Fair-Handel-GmbH mit Handelspartnern in Südamerika und Bruder Abraham legt Ihnen ein Hilfsprojekt für Kinder in Mosambik ans Herz. Außerdem erwarten Sie wieder Nachrichten und Hintergrundberichte aus aller Welt und der Abtei sowie ein Ausblick auf interessante Veranstaltungen.
Fans des Ruf in die Zeit müssen diesmal übrigens nicht bis Februar auf die nächste Ausgabe warten. Für treue Leserinnen und Leser sowie alle, die es werden wollen, bereiten wir aktuell eine Sonderausgabe mit dem Titel „Du sollst ein Segen sein!“ vor. Das im November erscheinende Heft enthält Gedanken zum Älterwerden von Mönchen aus der Abtei Münsterschwarzach. Besonderes Extra ist die Beilage „Meine letzten Dinge regeln“, in der Sie wichtige Informationen für den Sterbefall festhalten können.
Anja Legge
Der „Ruf in die Zeit“ erscheint vier Mal im Jahr und vertieft aktuelle Themen. Zugleich informiert das Magazin über Hilfsprojekte der Missionsbenediktiner sowie über Neuigkeiten aus der Abtei Münsterschwarzach. Der „Ruf in die Zeit“ wird an Freunde und Spender verteilt. Im Internet ist er als PDF abrufbar. Die nächste reguläre Ausgabe erscheint im Februar 2027 zum Leitthema „Hingabe“.

