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Predigten

Predigt zum 3. Sonntag der Fastenzeit

Der Brunnen im Herzen: Predigt von P. Fidelis Ruppert

Schwestern und Brüder,

seit Jahren fördert unsere Missionsprokura das Hilfsprojekt „Brunnen für Togo“. In armen Dörfern wird ein Brunnen gegraben. Erstmals in ihrem Leben haben die Menschen dort sauberes Wasser zum Trinken und Kochen. Bisher lebten sie vom Wasser aus dem Bach oder von weit entfernten Wasserquellen. Der Segen eines eigenen Brunnens!

Der Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard verwendet einmal das Bild des Brunnens, der Quelle und wendet es nach innen. Er schreibt:

„Wenn ein Araber in der Wüste plötzlich in seinem Zelt eine Quelle entdeckte, so dass er beständig Quellwasser im Überfluss hätte: Wie glücklich würde er sich preisen!“ Die Quelle im eigenen Zelt!

Kierkegaard spinnt den Gedanken weiter: Wenn ein Mensch, der ständig irgendwo draußen sein Glück sucht, plötzlich die Kehre nach innen macht und entdeckt, dass in ihm selbst eine Quelle ist, und diese Quelle der Ort der Begegnung mit Gott ist, dann hat dieser Mensch sein Glück gefunden. Die Quelle, die von innen her belebt.

Jesus sitzt heute am Jakobs-Brunnen, wo Frauen täglich Wasser holen. Er nimmt das Bild vom Brunnen auf und wendet es nach innen: Das Wasser, das ich geben kann, wird im Menschen zu einer Quelle, deren Wasser ins ewige Leben fließt.

Jesus meint es auch als Angebot an diese Frau: Das Wasser, das ich dir geben kann, wird in dir zu einer Quelle, die weiterfließt bis ins ewige Leben. Eigentlich will Jesus nicht Wasser geben, Er gibt sich selbst. Er selbst ist das Wasser, die Quelle, die im Menschen aufbrechen kann und weiterfließt. Ein überraschendes Bild: Jesus in mir – wie eine Quelle, sprudelnd, dynamisch. Leben, das im Fluss ist.

Und das ist die Botschaft an eine heidnische Frau; für fromme Juden sind die Samariter Heiden; und obendrein hat diese Heidin auch noch einen sehr fragwürdigen Lebenswandel. Jesus könnte sie ermahnen, sich zu bekehren und ihrem lockeren Lebenswandel abzuschwören. Stattdessen macht er ihr Hoffnung durch das tröstliche Bild, dass auch in ihrem Innern eine Quelle lebendigen Wassers fließen kann.

Vermutlich versteht die Frau noch nicht, was Jesus sagen will. Es bricht aber eine innere Ahnung auf, eine anfängliche Begeisterung, so dass sie aufspringt, ins Dorf rennt und die anderen Leute zu Jesus herholt. Da fließt schon etwas!

Bemerkenswert ist noch ein weiteres Detail. Die Frau fragt, welches das wahre Heiligtum ist: der Tempel von Jerusalem oder das Heiligtum auf dem Berg der Samariter. Für den Juden Jesus ist es der Tempel von Jerusalem. Jetzt sagt er aber, es komme eine Zeit, wo es weder um den einen noch um den anderen Tempel geht: es werde Gott dann „im Geist und in der Wahrheit“ angebetet. Über diese Worte wurde schon viel spekuliert. Vermutlich will Jesus sagen: Es geht um eine Wende nach innen. Letztlich geht es nicht darum, Gott in Tempeln, an heiligen Orten zu suchen, sondern im Innern des Menschen, im Innersten des Menschen.

Das bedeutet nicht, dass Tempel und Kirchen überflüssig sind, es ist wunderbar und lebensnotwendig, dass es solche heiligen Orte der Sammlung und der Stille gibt. Aber das letztlich Entscheidende ist: dass die göttliche Gegenwart, die göttliche Quelle im eigenen Herzen aufbricht und mit mir geht – ein Leben lang.

Der Brunnen im eigenen Dorf, wie in Togo, die Quelle im Zelt des Arabers, der Brunnen auch im eigenen Herzen.

Wie kann das auch mit mir persönlich geschehen? Sören Kierkegaard sagte, der Mensch müsse aufhören, das Glück draußen zu suchen und sich nach innen wenden. Eine Kehrtwendung nach innen, die ist nicht erst heutzutage schwierig. Schon im 17. Jahrhundert sagte Blaise Pascal: „Das ganze Unglück unserer Zeit liegt darin, dass keiner bei sich im Zimmer bleiben kann.“ Er meint, die Leute laufen draußen herum, statt in sich zuhause zu sein. In neuerer Zeit hat es Karl Valentin auf den Punkt gebracht: „Ich will mich heute besuchen. Hoffentlich bin ich daheim.“

Dazu eine positive Erfahrung des heiligen Benedikt. Nach einem schweren Schicksalsschlag, als man ihn beinahe vergiftet hätte, zog er sich in die Einsamkeit zurück. Dann heißt es: „Er wohnte in sich selbst – ganz unter den Augen Gottes, die auf ihn herabschauten.“ Still bei sich selbst sein, im Wissen um Gottes gütigen Blick.

Das könnten wir ja nachmachen: Das Hamsterrad anhalten, sitzen bleiben, still werden, an die Worte des Paulus denken: „Christus lebt in mir“, oder „Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes“. Und Jesus sagt uns, dass diese Gegenwart in mir nichts Statisches ist, sondern lebendig und dynamisch, wie eine Quelle, die immer weiterfließt.

Mit diesem Bild im Herzen kann ich auf Ostern zugehen, auch mit dem Wissen, dass die Quelle noch weiter und weiter fließt, bis ins Ewige Leben hinüber, wie Jesus sagt – bis ins Ewige Leben hinüber….

Das ist ein tröstlicher Gedanke, besonders auch für alle, die schon alt sind – und für alle, die mit der Zeit auch alt und älter werden – und so immer mehr hinüberwachsen und hinübergleiten dürfen – belebt von einer inneren Quelle.

Amen.